Im Bann der Naturgewalten

Bis ins 17. Jahrhundert waren Universalgelehrte in der Lage auf völlig verschiedenen Gebieten große Leistungen zu vollbringen. Seit dem ist das Wissen und die Anzahl der Fachrichtungen in einem Maß angewachsen, dass niemand mehr in der Lage sein kann, selbst in seiner eigenen Disziplin auch nur im Entferntesten alles zu wissen.

Der schnelle Zugang zu Informationen gewinnt immer mehr an Bedeutung und wurde mit dem Fortschritt in der Computertechnik revolutionär verbessert. In einigen Bereichen hat die Ablösung des Buches durch den Computer bereits begonnen, so schwer der Gedanke auch fallen mag. Der Wohnzimmerschrank mit den lexikalen Prachtbänden gehört bald der Vergangenheit an.

Die Idee, das gesamte Wissen der Menschen zusammenzutragen, reicht bis in das erste Jahrhundert zurück, als Plinius der Ältere die erste Enzyklopädie in der Geschichte schrieb.

 

Den Golf von Neapel bilden zwei Halbinseln, die wie die riesigen Enden einer Zange weit in das Tyrrhenische Meer greifen. Im Süden schirmt der Gebirgszug von Sorrent den Golf von der See ab. Auf der kleineren der beiden Halbinseln im Norden liegt an der äußersten Spitze die Stadt Misenum.

Am frühen Morgen, als die Bewohner Misenums noch schliefen, standen zwei junge Männer an der Stelle der Landzunge, die den besten Blick auf den Golf und das Festland gewährt. Das Meer glitzerte im Gegenlicht der Sonne, die gerade erst hinter den dunklen Gebirgsmassen aufgetaucht war. Alles überragend erhob sich der Vesuv wie ein Thron der Götter und zog die Blicke der beiden auf sich.

Na, habe ich dir zu viel versprochen?", fragte der junge Plinius, Neffe des Kommandanten der kaiserlichen Flotte, seinen Gast Marcus, der anstatt zu antworten, schweigend den grandiosen Anblick genoss.

Erst nach einer ganzen Weile sagte er, den Blick immer noch in der Ferne: „Bei Jupiter, wie der Olymp selbst“.

"Ich glaube, ich locke dich doch noch aus deinem Rom fort", sagte Plinius mit einem schelmischen Lachen. "Die Vorzüge Kampaniens wussten schon ganz andere zu schätzen. Siehst du die Insel dort? "

Plinius zeigte mit ausgestrecktem Arm nach Süden. "Die mit dem steilen Felsen. Das ist Capri. Kaiser Tiberius…“. Er unterbrach sich, hob bedeutungsvoll den Zeigefinger und fügte mit gespieltem Ernst hinzu: „Oh, ich vergaß, der göttliche Tiberius verbrachte dort in seinen Villen die Sommermonate“.

Geduldig hörte sich Marcus die Lobeshymnen auf Kampanien an, bis die Sonne so hoch stand, dass der Reiz des frühen Morgens verschwunden war. Die jungen Männer wandten sich von ihrem Aussichtspunkt ab und traten den Weg zurück in die Stadt an.

Misenum war zu vollem Leben erwacht. Aus den Backstuben duftete es, und weit in die gepflasterten Straßen hinein hatten die Handwerker ihre Ladentheken geschoben. Die zwei vornehmen Jünglinge mussten sich ihren Weg durch das Treiben bahnen.

Plötzlich, für einen Moment nur, verharrten die Menschen, als würden sie auf etwas lauschen, was in der Luft lag. Heftiger als sonst bebte die Erde. Die ausgebreiteten Waren der Händler vibrierten, als würde jemand sanft an den Tischen rütteln. Kurz darauf, als hätte die Zeit stillgestanden, fuhr jeder in seiner Tätigkeit fort, mit der er gerade beschäftigt war. Du musst dich nicht fürchten“, sagte Plinius. „In Kampanien wackelt die Erde häufiger. Wenn du hier lebst, hast du dich schnell daran gewöhnt“.

Als sie die Villa erreicht hatten und durch das kleine Vestibulum ins Atrium traten, empfing sie eine angenehme Ruhe. Das Sonnenlicht drang gemildert durch die Öffnung im Dach und beschien Statuen, die ein Wasserbecken umstanden.

Ihr habt es wirklich schön hier“, sagte Marcus.

Meine Mutter und ich, wir haben das alles meinem Onkel zu verdanken. Nach dem Tod meines Vaters hat er mich adoptiert, und ich habe seinen Namen angenommen. Seitdem bin ich Plinius der Jüngere. In dieser Villa wohnen wir seit zwei Jahren, seit der Onkel den Oberbefehl über die kaiserliche Flotte übernommen hat“.

Von hier, vom Atrium aus, konnten sie über alle Innenhöfe und Gärten bis an das Ende der Villa sehen. In einem schattigen Winkel hatte sich Plinius der Ältere, ein beleibter Mann um die fünfzig Jahre, auf einem Liegesofa niedergelassen und diktierte einem als Schreiber ausgebildeten Sklaven.

Woran arbeitet dein Onkel so eifrig“, fragte Markus. „Bisher habe ich ihn nur diktieren oder lesen gesehen.“

Das ist allerdings eine gute Frage. Mein Onkel arbeitet an einem großen Werk, das er ‚Libri Naturalis Historiae’ nennt, eine die gesamte Natur umfassende Darstellung.“

Und worüber schreibt er darin?“

Plinius überlegte einen Augenblick und gab dann die lakonische Antwort: „Über alles.“ Dem Gesichtsausdruck des Freundes konnte er entnehmen, dass er damit nichts anfangen konnte.

Nehmen wir einmal an, du hättest diese Bücher erworben, und bei einem Gastmahl mit Freunden kommt euer Gespräch auf irgendeinen Gegenstand, beispielsweise ein fernes Land. Nenne mir ein beliebiges Land, das dir gerade in den Sinn kommt!“

Marcus besann sich nicht lange: „Indien“

Gut, Indien. Gesetzt den Fall, du bist im Besitz des Werkes, könntest du nun in einem der Bücher Nummer drei bis sechs, die die Geographie behandeln, alles über Indien nachlesen. Im Index dieser Bücher sagt der Autor, was er darin schildert: Lage der Länder, Völker, Meere, Städte, Häfen, Berge, Flüsse, Entfernungen, Völker, die da sind und da waren.“

Und das über alle Länder?“

Alle Länder, die den Menschen bekannt sind. Und suchst du etwas anderes, über Tiere, Pflanzen, Heilmittel, Mineralogie, in der Naturgeschichte des Plinius wirst du über jeden Gegenstand deines Interesses etwas finden. Das gesamte Wissen der Menschen, aus zweitausend Büchern griechischer und römischer Autoren zusammengeschrieben. Aber was rede ich so viel. Komm mit und sieh selbst!“

Plinius führte seinen Besucher in die Bibliothek des Hauses, wo mehrere Sklaven mit der Abschrift ausgeliehener Bücher beschäftigt waren. Als die beiden Herren den Raum betraten, sahen sie nicht für einen Augenblick von ihrer Arbeit auf, als ob um sie herum nichts geschah. Die Regale des Raumes waren bis zur Decke voller Buchrollen. Plinius zeigte auf einen gesonderten Bereich.

Diese Bücher hier sind die ‚Libri Naturalis Historiae’, sozusagen das Handexemplar meines Onkels. Insgesamt einhundertsechzig Rollen.“ Wahllos griff er in das Regal und zog eine der Schriften heraus. Mit der Linken hielt er den Anfang des Buches fest und entrollte es mit der rechten Hand. Die einzelnen Blätter waren so gut aneinandergeklebt, dass die Schriftkolumnen über die Kleberänder hinweggeschrieben waren. Ganz ausgerollt hätte das Buch durch die gesamte Länge der Bibliothek gereicht.

Das ist Buch sieben, Anthropologie“, sagte Plinius, ließ mit der rechten Hand los, dass sich der Papyrus von selbst zusammenrollte und schob die Schrift fast andächtig wieder in ihr Regalfach.

Wie du dir denken kannst, nutzt mein Onkel jede freie Minute für die Arbeit an diesem großen Werk. Unterwegs benutzt er die Sänfte, damit er sich auch da noch vorlesen lassen kann.

Eine amüsante Geschichte muss ich dir erzählen. Wir hatten Gäste, und einer unterbrach den Vorleser, weil dieser schlecht vorgetragen hätte. Mein Onkel sagte zu ihm: ‚Du hattest es doch verstanden, nicht wahr.’ Und als dieser nickte: ‚Warum unterbrichst du ihn dann? Mehr als zehn Zeilen haben wir durch deine Störung verloren.“

Mitten in ihr Lachen hinein gab es einen außergewöhnlich heftigen Erdstoß. Die Menschen verharrten wie gelähmt. In der Bibliothek war in der Schrecksekunde nur das Krachen der griechischen Vase zu hören, die aus ihrer Nische gekippt war. Als darauf das Beben wieder einsetzte, brach in der Villa Panik aus. Von überall war das Schreien von Menschen zu hören, die ins Freie gelangen wollten. Die Mauern wankten beängstigend. In der Todesangst gab es keine Herren und Sklaven mehr, und die Schreiber drängten sich zusammen mit den beiden jungen Adligen durch die enge Tür der Bibliothek ins Freie.

In der Stadt herrschte Chaos. Irgendwie war es Plinius und Marcus gelungen in dem Gedränge zusammenzubleiben, und sie versuchten wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Durch die Menschenmenge bahnt sie sich ihren Weg wieder zurück zur Villa.

Dort war es Plinius dem Älteren unter Einsatz seiner ganzen Autorität gelungen, so etwas wie eine Ordnung herzustellen. Er erteilte scharfe Kommandos an seine Leibgarde. Seine Furchtlosigkeit hatte einen beruhigenden Einfluss auf alle in seiner Nähe. Obwohl die Erde immer noch bebte, konnte der Flottenkommandant wenigstens einigermaßen eine Handlungsfähigkeit aufrechterhalten.

Als ob das alles noch nicht genug Schrecken für die Menschen war, ertönte plötzlich vom Festland her ein Grollen wie bei einem Gewitter. Menschen, die an den Strand geflüchtet waren, strömten aus irgendeinem Grund wieder in die Stadt zurück. Plinius der Ältere gab das Kommando zum Abmarsch genau in die Richtung, aus der die anderen flohen. Kaum hatten sie etwas Sicht, bot sich ihnen ein Anblick der entsetzlich aber gleichzeitig auch so faszinierend war, dass sie wie gebannt auf das Festland hinüberstarrten.

Über dem Gipfel des Vesuvs ragte eine feurige Säule hoch in den Himmel. Darüber breitete sich ein gigantisches Dach aus schwarzer Asche. Das Ganze hatte das Aussehen einer riesigen Pinie. Schwere Gesteinsbrocken fielen, Rauchspuren nach sich ziehend, aus der schwarzen Asche, die immer höher in den Himmel quoll.

Plinius der Ältere beobachtete genau, was sich am Festland ereignete. Bei dieser Gelegenheit ein solch einmaliges Naturschauspiel selbst beobachten zu können, durfte ihm kein Detail entgehen. Bei seiner Arbeit an den Libri Naturalis hatte er immer nur in Büchern Berichte über solche Ereignisse gelesen, und jetzt war er selbst Zeuge. Seine übergroße Wissbegierde ließ ein Gefühl der Angst gar nicht aufkommen.

Bald genügte es dem Naturforscher nicht mehr nur tatenlos aus der Ferne zuzusehen. War er nicht der Oberkommandierende der kaiserlichen Flotte? Zum Entsetzen aller gab er Befehl die Schiffe fertig zumachen, um näher an das Inferno heranzukommen. Seinen Adoptivsohn konnte er nicht dazu überreden ihn zu begleiten. Plinius und Marcus gingen mit dem Onkel noch bis zum Hafen hinunter und sahen den ablegenden Schiffen nach, die bald in der von Asche und Rauch getrübten Luft verschwunden waren.

Die Briefe Plinius des Jüngeren

Zu der Stunde, als Plinius der Ältere mit der Flotte von Misenum ablegte, todesmutig mitten in das Inferno hinein, war am Fuße des Vesuv in der Stadt Pompeji bereits jedes Leben erloschen. Wer nicht rechtzeitig geflohen war, lag unter einer meterhohen Ascheschicht begraben.

Aus Briefen, die Plinius der Jüngere an Freunde geschrieben hat, kennen wir den weiteren Verlauf der Ereignisse. Tagelang bebte die Erde, und als der Wind drehte, fiel der Ascheregen auch auf Misenum. Die ganz große Katastrophe wie in Pompeji blieb hier zum Glück für die Bewohner aus.

Plinius der Ältere kehrte nicht mehr zurück. Er erreichte mit den Schiffen zwar die Küste, brach aber, als die Situation immer bedrohlicher wurde, beim Rückzug, umhüllt von Schwefeldämpfen und Asche, tot zusammen.


Die ‚Naturalis Historia’, das Hauptwerk Plinius des Älteren, gilt als die erste naturkundliche Enzyklopädie der Menschheit. Plinius hat hierin zwanzigtausend verschiedene Gegenstände behandelt, die er der Lektüre von zweitausend Bänden lateinischer, aber vor allem griechischer Autoren entnommen hat. Diese enorme Arbeit leistete er neben zahlreichen öffentlichen Ämtern, die er besonders unter Kaiser Vespasian bis zu seinem tragischen Tod beim Hauptausbruch des Vesuvs im August 79 n. Chr. bekleidete.


Die ursprünglich einhundertsechzig auf beiden Seiten eng beschriebenen Buchrollen sind nicht erhalten geblieben. Durch die zahlreichen Abschriften ist das Werk heute dennoch im Wortlaut bekannt. Die ,Naturalis Historia’ übte starken Einfluss auf die Gelehrten bis ins späte Mittelalter aus.