Mit dem Lauf der Sonne

Die Geschichte Europas ist geprägt von immerwährenden Kriegen und Machtkämpfen einer unüberschaubaren Zahl von Königshäusern, Fürstentümern, Kleinstaaten und freien Städten. Oft war es aber gerade diese Rivalität, die Europa im Gegensatz zu zentral beherrschten Reichen immer wieder vorangetrieben hat.

1494 hatten die verfeindeten Seemächte Portugal und Spanien im Vertrag von Tordesillas ihre kolonialen Besitzansprüche durch eine 370 Meilen westlich der Kapverdischen Inseln verlaufenden Demarkationslinie geregelt. Spanien gehörten vertragsgemäß alle Gebiete westlich dieser Linie, was aber bedeutete, dass den Spaniern von nun an der Seeweg um Afrika zu den gewinnbringenden Gewürzinseln versperrt war.

Auf die bloße Vermutung bauend, die Erde habe eine kugelige Gestalt, wurde das Äußerste gewagt, die Reichtum versprechenden Inseln der Molukken von Westen kommend zu erreichen und so den portugiesischen Machtbereich zu umgehen.

 

Lautlos tasten sich die Segelschiffe vorwärts in eine unbekannte Welt. Nur das Kreischen der Seevögel hallt von den dunklen Felswänden wider. Unheimlich ist den Männern zu Mute. Als die Meerenge breiter, dahinter aber wieder bedrohlich eng wird, zögert Fernando de Magellanes, Generalkapitän in spanischen Diensten, und schickt von den vier Schiffen zwei voraus auf Erkundungsfahrt. Die dazu Ausgewählten fürchten um ihr Leben, aber sie müssen gehorchen.

Während sie in der Bucht auf die Rückkehr der ausgesandten Schiffe warten, betet Magellanes zu Gott um den Erfolg seiner Mission. Diese Meerenge ist seine letzte Chance die ersehnte Durchfahrt zu den Gewürzinseln zu finden. Er kann den Mannschaften der Schiffe nicht mehr zumuten. Schon eine Meuterei hatte er niederschlagen müssen. Als sie mit fünf Schiffen und zweihundertsechzig Mann unter dem Salut der Bordgeschütze aus Sevilla ausgelaufen waren, war von Eis und Kälte nie die Rede gewesen. Und jetzt liegen sie hier bei 52° südlicher Breite, soweit im Süden, wie noch kein Mensch vor ihm gesegelt war.

Er wisse aus sicherer Quelle, dass es die Durchfahrt zum Südmeer gibt, hatte er den Befehlshabern der anderen Schiffe immer wieder versichert. Gar nichts weiß er. Alles ist nur Spekulation der Kartographen. Sie nähren ständig die Hoffnung, die Landmasse ließe sich im Süden umsegeln wie Afrika. Aber wer soll das wissen, bis es nicht einer tat. Und er, Fernando de Magellanes, ist gewillt die Tat zu vollbringen, um jeden Preis.

Mehrmals hatten sie geglaubt, das Kap erreicht zu haben. Weit nach Westen hatten sie segeln können. Dann war das Meer flacher geworden. Das Wasser wurde immer süßer, und sie hatten erkennen müssen, dass es doch wieder nur eine Flussmündung war. Wie groß muss ein Land sein, das solche riesigen Flüsse hervorbringt? Kein Mensch glaubt mehr, dass das der Ostrand Asiens ist, wie es immer angenommen wurde. Amerigo Vespucci hat Recht, das ist ein eigenständiger Kontinent, Amerika.

Dann endlich, nach Tagen qualvollen Wartens, der erlösende Ruf des Spähers. Aus dem Nebel tauchen die beiden Schiffe auf. Sie hatten sie verloren geglaubt, zwischen den Felswänden zerschellt und nun kehrten sie zurück. Bei der Mannschaft bricht sich hemmungsloser Jubel Bahn. Für diesmal lässt Magallanes die Disziplinlosigkeit durchgehen, und er dankt seinem Herrn, dass er seine Bitten erhört hat.


Von einem der beiden Schiffe steigt ein Rauchwölkchen auf. Einen Moment später ist das Grollen der abgefeuerten Kanone zu hören. Magellanes gibt sein Einverständnis den Salutschuss zurückzugeben. Lange hallt der Knall in den Felswänden wider. Albatrosse und Kormorane kreisen aufgeschreckt in den Bergen. Es sind Töne, die in diesen Gegenden der Welt noch nie gehört wurden.

Die ausgesandten Schiffe bringen gute Nachrichten. Zwar haben sie noch nicht die endgültige Durchfahrt erreicht, aber hinter der Enge folgt eine Bucht, dann wieder eine Passage, nach der das Meer noch breiter wird. Das Wasser bleibt salzig, und die geloteten Tiefen sind sehr groß. Also diesmal kein Fluss.

Sofort befielt Magellanes den Aufbruch der Flotte. Zögernd tasten sich die Schiffe zwischen den schroffen Felswänden vorwärts. Nachts sehen sie in den Bergen im Süden die Feuer ihrer Bewohner brennen. Sie taufen das Land „Terra del Fuego“ , Feuerland. Als im Inselgewirr die „San Antonio“ auf Erkundung geschickt wird, nutzen ihre Befehlshaber die Abwesenheit des Generalkapitäns und segeln zurück nach Sevilla. Sie wollen den Befehlen Magellanes, der in seinem grenzenlosen Wagemut das Leben aller aufs Spiel setzt, nicht mehr gehorchen. Sechzig Männer und viel Proviant sind verloren.

Mehr als einen Monat nach dem Auffinden der Durchfahrt im Osten, stehen die verbliebenen drei Schiffe auf der anderen Seite, am Ausgang zu einem offenen weiten Meer, das sie „Mar Pazifico“, das friedfertige Meer nennen.


Zunächst segeln sie nordwärts, immer im Bereich der Küste, um in wärmere Breiten zu gelangen. Aber irgendwann muss es gewagt werden, und die Reise über das unbekannte Meer beginnt. Keiner der Männer ahnt, was ihnen bevorsteht. Die vermutete Kugelgestalt der Erde ist viel zu klein berechnet. Sie glauben, Asien sei nahe. Aber dieser Ozean will einfach nicht enden. Die geographische Breite können sie an der Höhe der Gestirne genau messen, aber die versegelten Längengrade lassen sich nur grob schätzen.

Unglücklicherweise wählt Magellanes einen Kurs weit im Norden und führt die Schiffe in eine schier endlose Wasserfläche ohne Land. Die mitgeführten Lebensmittel sind bald völlig verdorben. Hunger und Skorbut fordern viele Opfer unter der hart arbeitenden Mannschaft. Niemand kann ahnen, dass sie an einer paradiesischen Inselwelt, die weiter im Süden ihres Kurses liegt, vorübersegeln. Tahiti, Samoa, Fidschiinseln, Salomonen, alles, was sie entbehren müssen, hätten die Inseln mit ihren friedlichen Bewohnern geboten. Zu spät dafür befielt der Kapitän wieder südlicheren Kurs. Nach drei Monaten und zwanzig Tagen erreichen die drei Schiffe die Philippinen.

Frische Nahrungsmittel bringen die Männer schell wieder zu Kräften. Besonders die Früchte der Kokospalme bewirken Wunder. Auf der Fahrt durch die Inselwelt überfällt missionarischer Eifer den Kapitän der Flotte. Für seinen Gott will er Christen, für seinen Kaiser neue Untertanen gewinnen. Bei seinem Versprechen die Feinde eines bekehrten Inselfürsten zu besiegen, überspannt Magellanes den Bogen und lässt sich in die Händel der einheimischen Herrscher ein. Auf ihre überlegenen Waffen und Rüstungen vertrauend, kämpfen auf einer Insel sechzig Männer gegen Hunderte einheimische Krieger. Aber diesmal lassen sich diese nicht einschüchtern. Das Unfassbare geschieht, die Europäer müssen eine militärische Niederlage hinnehmen. Doch es kommt noch schlimmer. Ein paar Männer werden am Rückzug gehindert. Unter ihnen kämpft verzweifelt der Kapitän. Hilflos müssen die Männer auf den Schiffen zusehen, wie Fernando de Magellanes von Bambusspießen durchbohrt am Strand verblutet. Die Flotte hat ihren fähigsten Kopf verloren.


Die Abfahrt von den Philippinen gleicht einer Flucht. Unterwegs muss ein weiteres Schiff, das hoffnungslos von Würmern zerfressen ist, umgeladen und verbrannt werden. Für die verbliebenen hundertzwanzig Leute reichen die beiden letzten Schiffe.

Zum Glück für die Nachwelt befindet sich unter ihnen auch der Chronist der Reise, der Italiener Antonio Pigafetta. In unermüdlicher Wissbegier verzeichnet er auf der Fahrt durch die Inselwelt alles, was er über das Land und ihre Bewohner in Erfahrung bringen kann.

Bald kommen sie in Gebiete, in denen sie auf Anzeichen portugiesischen Einflusses stoßen. Der Kreis hat sich geschlossen. Sie haben den Rand der den Europäern bekannten Welt von Westen kommend erreicht. Auf den Molukken, dem eigentlichen Ziel des Unternehmens, werden gegen spanische Waren die begehrten Gewürznelken eingetauscht.

Bei einem der völlig überladenen Schiffe dringt Wasser ein. Es muss zur Reparatur mitsamt der Besatzung zurückgelassen werden. So tritt nur die „Victoria“ mit siebenundvierzig Männern die Heimreise durch den Indischen Ozean an.


Sechstausend Meilen bis zum Kap der Guten Hoffnung liegen vor ihnen. Es sind entbehrungsreiche Meilen, denn alle Häfen in denen Lebensmittel eingetauscht werden könnten, befinden sich im portugiesischen Machtbereich. Sie müssen einen Kurs weit im Süden nehmen. Hunger und Skorbut nisten sich wieder an Bord ein.

Als Sie glauben an der gefürchteten Südspitze Afrikas vorüber zu sein, segeln sie nach Norden. Nach zwei Tagen stoßen sie auf Land und stellen mit Entsetzen fest, dass es die afrikanische Ostküste ist. Die versegelten Meilen waren falsch berechnet.

Die Umseglung des Kaps ist eine Tortur für die ausgehungerten Männer. Bei eisiger Kälte kämpfen sie gegen den Sturm und haushohe Wellen an. Masten brechen, immer mehr Wasser dringt in das Schiff ein. Ohne Unterbrechung müssen die Pumpen bedient werden. An der unwirtlichen Westküste des afrikanischen Kontinents, wo es weder Wasser noch Nahrung gibt, trennen sie noch viertausend Seemeilen von der Heimat.

Immer mehr Leichname müssen über Bord geworfen werden. Sie würdig zu bestatten, dazu hat keiner mehr die Kraft. Um zu überleben haben sie bald keine andere Wahl, als doch noch einen portugiesischen Hafen anzulaufen.

Auf der Kapverdischen Insel Santiago gelingt es, die portugiesischen Beamten mit der Behauptung zu täuschen, sie kämen aus Amerika und wären in einen Sturm geraten. Mit zwei Bootsladungen Reis, die sie kaufen können, bleibt die „Viktoria“ ein paar Tage vor dem Hafen liegen. Die Männer müssen erst zu Kräften kommen. Beim zweiten Versuch Proviant zu kaufen, bieten die Spanier, weil sie kein Geld mehr haben, Gewürznelken zum Tausch. Der Schwindel fliegt auf. Die dreizehn Männer, die in den Hafen gerudert sind, werden verhaftet. Der Victoria gelingt die Flucht vor den portugiesischen Karavellen.

Drei Jahre nach ihrer umjubelten Abreise aus Sevilla, erreichen im September 1522 achtzehn halbverhungerte Seeleute Spanien.


Gewiss war es nicht der reine Forscherdrang, der zu dieser Pioniertat der ersten Weltumseglung führte. Im Vordergrund standen kommerzielle Interessen. Magellanes suchte einen Zugang zu den Reichtümern Asiens, der außerhalb der vom Erzrivalen Portugal beanspruchten Hemisphäre lag.

Aber das alles schmälert die Bedeutung der Weltumseglung nicht. Mitten hinein in die Theorien der Gelehrten über die Gestalt der Erde, hatten diese Männer ein unumstößliches Faktum gestellt. Auf dem Weg zum heliozentrischen Weltbild, war ein entscheidender Schritt getan.


Auch der Begriff der Zeit erschien in einem neuen Licht, wie eine Episode bei der Ankunft zeigt. Zu den glücklichen Heimkehrern gehörte der Chronist Antonio Pigafetta. Auf seine Frage, welcher Wochentag gerade sei, lautete die Antwort, es sei Donnerstag. Bei den Reisenden war dagegen Mittwoch. Pigafetta konnte beschwören, dass er jeden Tag der Reise verzeichnet hatte. Erst viel später konnte das Rätsel gelöst werden. Sie waren drei Jahre mit dem scheinbaren Lauf der Sonne gesegelt und hatten dabei diesen einen Tag gewonnen.