Eine neue Welt

Wissenschaftliche Erkenntnisse, die unsere Vorstellung übersteigen, sind heute nichts Besonderes mehr. Elektronen die Atomkerne umkreisen oder Galaxien die Milliarden Lichtjahre von uns entfernt sind, werden als ganz selbstverständlich hingenommen. Wir wissen, wie klein der Bereich ist, den wir mit unseren Sinnen erfassen, und dass die Wirklichkeit komplexer ist, als sie sich uns darstellt.

Goethe schrieb, dass Mikroskope und Fernrohre die Sinne verwirren. In Anbetracht der Tatsache, dass jede neue Erkenntnis mehr Fragen schafft, als beantwortet werden und alles noch komplizierter macht, hat er damit gar nicht so Unrecht.

Das alte Weltbild, wonach wir im Mittelpunkt der Welt auf einer fest gefügten Erde leben, umkreist von den himmlischen Gestirnen, hatte für die Menschen etwas Beruhigendes und gab ein gewisses Maß an Sicherheit. Diese Erde mit den Menschen aus dem Mittelpunkt der Welt zu rücken und eingereiht unter die anderen Planeten um die Sonne kreisen zu lassen, ist die fundamentalste Umwälzung des menschlichen Weltbildes, die jemals stattgefunden hat.



Es war ein weiter Weg gewesen von Wittenberg nach Frauenburg im Bistum Ermland. Georg Joachim von Lauchen, genannt Reticus, war froh, dass er am Ziel seiner Reise war. Gegen alle Erwartung begeisterte ihn das Land hier im Norden an der Ostsee. Dennoch, als die Türme der Stadt in der Ferne auftauchten, war er in Sorge, wie er hier aufgenommen würde. Er, befreundet mit Luther und Melanchthon, aus der Hochburg der Reformation, hier in diesem erzkatholischen Land. Das ganze Wagnis, um diesen Gelehrten mit seiner neuen Astronomie kennen zu lernen. Alles Neue, es konnte gar nicht verrückt genug sein, zog ihn wie ein Magnet an. Und diese Theorie von der Bewegung der Erde war einfach unglaublich provokant, so ganz nach seinem Geschmack. Überall wurde darüber gespottet. Nur etwas Genaues aus seriöser Quelle war nicht in Erfahrung zu bringen. Nichts war veröffentlicht, alles verlor sich in Gerüchten und Spekulation.

Als sich Reticus nach den Gebäuden, in denen der Astronom wohnte, durchgefragt hatte, stand er in banger Erwartung am Eingang. Ein sauertöpfisch blickender Bediensteter öffnete und musterte ihn. Unsicher brachte Reticus sein Anliegen vor und gab die Hoffnung schon auf, als sich der Diener wortlos umdrehte und im Haus verschwand. Es schien wie eine Ewigkeit, bis er zurückkehrte und zu Reticus’ Überraschung sagte: „Hochwürden ist so gnädig“.

In einem Wohnturm des Gebäudes stand Reticus dann einem um vierzig Jahre älteren Mann gegenüber. Das war er also, Nicolaus Kopernikus, der Astronom, der in Zweifel zog, was seit anderthalb Jahrtausenden Gelehrte, Philosophen, Theologen und Päpste für richtig hielten, der behauptete, das geniale System eines Ptolemäus stimme nicht, der Mann, der den Menschen sagte, was sie mit ihren eigenen Augen sähen, sei falsch.

Reticus stellte sich vor, sprach von seiner Tätigkeit an der Universität Wittenberg, dass er den Lehrstuhl für Mathematik innehabe, gelegentlich Astronomie lehre. Geduldig hörte sich Kopernikus an, was der junge Mann von sich erzählte. Als Reticus von seinem eigentlichen Anliegen, Genaueres über die neue Astronomie in Erfahrung zu bringen, sprach, ließ Kopernikus dem Besucher nach einigem Zögern Wohnraum in dem Gebäude zuweisen. Ganz wohl war ihm dabei nicht, schließlich war Reticus Protestant, was leicht Denunzianten und Verleumder auf den Plan rief. Er selbst war in Sachen Religion tolerant.

Die Anwesenheit seines jungen Gastes war für Kopernikus ein Segen. Immer seltener und ohne rechte Motivation hatte er in der letzten Zeit gearbeitet. Er ging jetzt schon auf die Siebzig zu, und das Alter machte ihm immer häufiger zu schaffen. Reticus weckte in ihm die Lebensgeister und holte ihn aus dieser nutzlosen Grübelei. Der Gedanke daran, dass dieser Mensch die Mühen der weiten Reise auf sich genommen hatte, um seine Astronomie kennen zu lernen, tat ihm wohl. Reticus hatte ein zügelloses Temperament und reagierte emotional überschwänglich. Aber er hatte Talent, und die Bücher, die er mit nach Frauenburg gebracht hatte, die „Elemente“ des Euklid und besonders die Dreieckslehre des Regiomontanus, waren von großem Nutzen. Kopernikus ließ sich mitreißen und arbeitete in einer nie gekannten Intensität. Reticus hatte ungehinderten Einblick in alle Manuskripte.

Wie oft hatten Kopernikus Zweifel an seiner eigenen These beschlichen. War er ein Narr, der Zeit seines Lebens einem Phantom nachjagte? Eine kirchliche Karriere hatte er ausgeschlagen, nur der Astronomie wegen, seiner Astronomie.

Dabei beruhte alles auf wenigen Grundannahmen, die er nicht einmal beweisen konnte. Im Dialog mit seinem Schüler ging er die Punkte noch einmal Schritt für Schritt durch.

Erstens: Im Zentrum des Universums befindet sich die Sonne. Ohne sie gäbe es nur Finsternis und Kälte. Die Sonne ist das Licht und die Wärme für das Leben. Es ist unlogisch, dass die Leuchte der Welt um einen kleineren Himmelskörper kreist, der ohne sie finster und tot wäre.

Zweitens: Die Bewegung des Firmaments um die Erde ist in Wirklichkeit das Resultat der Erdrotation. Welchen monströsen Aufwand würde es bedeuten, wenn sich die riesigen Sternensphären, alle Planeten und die Sonne jeden Tag einmal um die Erde drehen sollten. Wäre das nicht wie ein stillstehender Mühlstein, um den sich die gesamte Mühle dreht?

Je länger er darüber nachgedacht hatte, um so absurder war ihm das bisher gültige Weltbild erschienen.

So harmonisch und sinnvoll sein neues System auch war, die Scharfsinnigen unter seinen Kritikern wussten ihn in Verlegenheit zu bringen. Wenn die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne solch gigantische Entfernungen zurücklegt, warum verschoben sich die Sterne unter dem jeweils anderem Blickwinkel nicht? Immer den gleichen Anblick hat nur jemand, der an einem Ort ruht. Darauf konnte er nur mit der Mutmaßung antworten, die Sterne seien eben so weit weg, dass eine Verschiebung zu klein ist, um wahrgenommen werden zu können.

Nach Jahrzehnten der Beobachtungen und Berechnungen war dann wieder alles in Frage gestellt. Irgendwo lag in seinem System noch ein Fehler. Er grübelte über den Satz nach, den er dann doch wieder aus seinen Papieren hatte streichen müssen. „Ganz kurz muss hier noch gelegentlich angeführt werden, dass die Bewegung der Planeten nicht in einer geraden Linie, sondern in einem Kegel- oder Zylinderschnitt vor sich geht, den die Mathematiker Ellipse nennen.“ Das hätte aber bedeutet, unter dieser Voraussetzung alles noch einmal von vorne anfangen zu müssen.

Als Reticus von Wittenberg aufgebrochen war, hatte ihn das Neue angezogen, das unerhörte Wagnis Ptolemäus vom Thron zu stoßen. Erwartet hatte er einen Mann, der so war wie er selbst, leidenschaftlich und unerschrocken. Stattdessen hatte er einen Gelehrten kennen gelernt, der das Neue nicht vertrat, weil es neu war und Aufsehen erregte, sondern der an seine Idee glaubte und sie wie eine Last durch sein Leben trug. Ein hohes Kirchenamt hatte Kopernikus ausgeschlagen, um sich seiner Theorie zu widmen. Von Zweifeln geplagt, hatte er bisher gezögert, sein Werk zu veröffentlichen. Alles war ganz anders, als Reticus es sich vorgestellt hatte.

Ganz plötzlich und unerwartet erkrankte Reticus. Schweißgebadet lag er im Bett. Kopernikus hatte in seinem Leben mit seiner medizinischen Kunst vielen Menschen geholfen, aber in diesem Fall war er ratlos. Doch nach zwei Tagen war die Krankheit so schnell vorbei, wie sie begonnen hatte. Reticus ging sogleich wieder an die Arbeit. Sein Gesicht strahlte Ruhe und Zufriedenheit aus, als hätte er Kunde von einem geheimen Wissen. Über die Ursache des Zusammenbruchs schwieg er. Kopernikus vermutete eine Überreizung der Nerven wegen der Arbeit an den astronomischen Problemen. Doch das war nur die halbe Wahrheit. Die eigentliche Ursache der rätselhaften Krankheit lag tiefer.

Nach stundenlangem Brüten über Zahlen und komplizierten Rechenoperationen, hatte sich Reticus erschöpft die Augen gerieben, den schweren Stuhl zurück geschoben und war aufgestanden. Er hatte den vom langen Sitzen steif gewordenen Körper gestreckt und war hinüber zum Fenster gegangen. Von hier oben aus der Höhe des Wehrturms hatte er einen weiten Blick über das Land. Aus dem Reich der Bücher und Zahlen kehrte er langsam zurück in die Wirklichkeit. Wie er die Hügel Wiesen und Wälder, die sich bis in die Ferne hinzogen, betrachtete, durchlief ein Schauer seinen Körper. Mit einem Mal wurde ihm die Konsequenz aus der Theorie seines Lehrmeisters bewusst. Diese ganze Erde war eine riesige Kugel, die mit ihren Meeren und Gebirgen auf einer gigantischen Kreisbahn durch den Weltraum flog. Aus Mathematik und Theorie war plötzlich Wirklichkeit geworden, eine Welt von unglaublicher Erhabenheit und Größe. Die Erkenntnis warf ihn nieder und doch war er in seinem Leben nie so glücklich gewesen wie in diesem Moment.

Reticus bereitete alles für die Veröffentlichung des Werkes vor, an dem Kopernikus drei Jahrzehnte gearbeitet hatte. Im brieflichen Kontakt ließ er seine Beziehungen spielen, um den Druck von „De revolutionibus“ zu ermöglichen. Als dem nichts mehr im Wege stand, reiste Reticus nach eineinhalb jährigem Aufenthalt an der Ostsee wieder zurück nach Wittenberg.

Hier waren die Druckereien mit den Schriften der Reformatoren ausgelastet, so dass Reticus das mathematisch-astronomische Werk schließlich in Nürnberg in Auftrag gab und den Druck persönlich überwachte.

142 Holzschnitte mit geometrischen Figuren und Illustrationen mussten angefertigt werden. Die Arbeiten zogen sich über Monate hin. In dieser Zeit erlitt Kopernikus in Frauenburg einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholen sollte. Am 24. Mai 1543, dem Todestag des großen Astronomen, konnte noch ein gedrucktes Exemplar seines Lebenswerkes auf das Sterbebett gelegt werden.

Niemand konnte auch nur erahnen, welche Konsequenzen Kopernikus Hauptwerk „De revolutionibus orbium coelestium“ in physikalischer, theologischer und kosmologischer Hinsicht einmal haben würde. Aber bis dahin musste noch viel Zeit vergehen. Das neue Bild der Welt führte für lange Zeit ein fast unbemerktes Dasein. Nur wenige Astronomen dürften die Mühsal auf sich genommen haben, das schwierige mathematische Werk zu studieren.

Eine weitere Ursache, warum nach dem Erscheinen von „De revolutionibus“ heftige Reaktionen ausblieben, war ein weder von Kopernikus selbst, noch von Reticus autorisiertes Vorwort, das dem Werk anonym vorangestellt worden war. Darin hieß es, die Theorie sei nur als Rechengrundlage für die Planetenbewegung zu betrachten und erhebe keinen Anspruch auf physikalische Realität. So war der neuen Theorie zuerst einmal die Spitze gebrochen.

Der endgültige Durchbruch des kopernikanischen Weltbildes begann erst siebzig Jahre später. Den Stein ins Rollen brachte eine Erfindung, das Fernrohr.