Die letzten Tage im Leben des Giordano Bruno

Neue Entdeckungen und Erkenntnisse in der Geschichte der Menschheit sind meistens das Ergebnis gezielter Experimente oder der Beobachtung von Vorgängen in der Natur, wobei manchmal der Zufall eine Rolle spielte oder eine Neuerung in der Technik zu Hilfe kam.

Um so erstaunlicher sind Erkenntnisse und Vorhersagen, die das Resultat bloßer Denkarbeit sind. Das beste Beispiel hierfür bietet der griechische Naturphilosoph Demokrit von Abdera. Seine These, wonach die Materie aus kleinsten Grundbausteinen den Atomen besteht, fand erst nach mehr als zweitausend Jahren ihre Bestätigung.

Im 16. Jahrhundert entwarf der Italiener Giordano Bruno noch vor der Erfindung des Fernrohrs und der Etablierung des kopernikanischen Weltsystems ein Bild des Universums, das seiner Zeit weit voraus war.


 

Im Jahre 1600 feierte die Christenheit das Jubiläum des Herrn. Fünfzig Kardinäle waren zu den Festlichkeiten nach Rom gereist. Die Glocken des Petersdoms tönten den Jubel in die Welt hinaus.

Nur einen Fußmarsch entfernt vom Glanz der Kirchenmänner erhob sich, neben einem Bogen des Tiber, die Engelsburg. Das runde Kastell diente als Zuflucht in kriegerischen Zeiten, beherbergte in seinen festen Mauern aber auch die Kerker für solche, die sich den Lehren Christi widersetzten.

An einem klaren Abend im Februar ging am Horizont eine schmale Mondsichel auf, spiegelte sich im Fluss und beschien spärlich das Gemäuer der Festung. Die Nachtwachen hatten ihre Posten bezogen und schritten gelangweilt die Wehrgänge ab.

Der Gefangene Giordano Bruno hatte ein Bündel Stroh in die Ecke der Zelle geschoben, von wo aus er den kleinen Ausschnitt des Nachthimmels durch das vergitterte Fenster sehen konnte. Die Wolken der letzten Tage hatten sich verzogen, und er wusste, dass er heute den Stern aus dem Orion, dem Jäger, sehen würde. Sechs Jahre hatte er den Stern von dieser Stelle aus beobachtet, und jetzt konnte er ihn zum siebenten Mal betrachten. Zum letzten Mal. Sie hatten das Urteil über ihn gesprochen.

Er wartete ruhig zurückgelehnt, bis der Lichtpunkt in der Fensteröffnung erschien. Die Dunkelheit im Raum war vollkommen. Er erkannte nicht einmal die Umrisse des Fensters. Als der Stern dann sichtbar wurde, nahmen seine Augen nur diesen einen leuchtenden Punkt an der Wand wahr.

Der Stern war hier, bei ihm, ein Teil dieses Raumes. Er war in ihm. Seine Sinne waren der Spiegel, was er sah, nur ein Abbild dessen, was existierte. Aus dem unendlichen All, auf dem Weltenäther schwingend, war dieser Stern zu ihm gelangt, wurde ein Teil seiner selbst, vereinte sich das lebendige Weltganze.

Über all die Jahre hatte er diesen Stern betrachtet. Diesen Stern und doch nicht diesen. Denn in keinem Augenblick ist irgend ein Ding völlig identisch mit dem, was es war und was es sein wird, wandelt und ändert sich ein jedes in permanentem Fluss. Gleiches schafft nur der Mensch mit seinem mathematischen Verstand. Ein Irrglaube. Es gibt in der Natur nichts Gleiches.

Das Licht an der Wand wurde langsam immer schwächer. Der Stern war so weit gewandert, dass einer der Gitterstäbe ihn verdeckte. Eine Täuschung der Sinne, dachte er. Was sich weiterbewegt hatte, war sein Kerkerfenster, die Engelsburg, Rom, die Erde. Wie konnte jemand glauben, der gesamte Kosmos drehe sich um die Erde? Narrenglaube. Sie waren wie Trunkene, die im Vollrausch um sich selbst taumelten. Alles drehte sich um sie. Und er war nun derjenige, ihnen diesen Glauben zu nehmen, sie aus diesem Mittelpunkt zu rücken, sie zu reduzieren auf diesen winzigen Punkt im unendlichen Universum. Dafür hatten sie ihn verurteilt. Es war diese Tat für die er sterben musste.

Der Stern hatte den zweiten Gitterstab erreicht. Sein Licht funkelte in der Nacht. Er wusste, dass das Blinken nur vom Wind kam, einem Wind, den er so lange nicht mehr gespürt hatte. Die irdische Lufthülle verwirrte die Sinne und gaukelte den Menschen Falsches vor. Für alle, die ihn verurteilt hatten, war dieser Stern das kleine Lichtpünktchen, das sie sahen. Für ihn war er eine Sonne, mit Planeten auf Umlaufbahnen, Planeten mit Meeren und Gebirgen und voller Leben. Eine Welt unter zahllosen anderen Welten. Das zu erkennen, dafür hatte er gelebt. Auf der Jagd nach Erkenntnis hatte er sich selbst verändert, sich selbst erkannt und war zuletzt vom Jäger zum Gejagten geworden.

Nicht lange nachdem der Stern hinter dem Mauerwerk verschwunden war, schlief Giordano Bruno auf dem Stroh ein.

Am nächsten Tag, nachdem er seinen Gang durch die Zelle absolviert hatte, in immer den gleichen Schritten, wurde zu ungewohnter Stunde die Tür geöffnet.

Giordano, Besuch für dich“, hörte er den Wächter im Gang rufen. Zögernd und sich ängstlich bekreuzigend betrat ein Mann in der Kleidung der Dominikaner den düsteren Raum. Gleich fiel hinter ihm die Tür wieder ins Schloss und wurde verriegelt. Der Fremde hatte die Kapuze aufbehalten, so dass Giordano Bruno sein Gesicht nicht sehen konnte.

Wer bist du?“, fragte er. Die Antwort klang erstickt unter der Kleidung.

Ich bin Giacomo“.

Willst du mir dein Gesicht nicht zeigen? Komm hierher, ins Licht! Nur zu, keine Angst!“ Während der Mann das kurze Stück zum Fenster ging, streifte er die Kapuze in den Nacken. Giordano Bruno betrachtete sein Gesicht. „Giacomo“, murmelte er vor sich hin, um seinem Gedächtnis nachzuhelfen und sagte nach einem Moment der Besinnung: „Aus dem Kloster San Domenico in Neapel“.

Zum ersten Mal, seit er den Kerker betreten hatte, lächelte der Besucher. „Du hast mich wiedererkannt. Es ist so lange her, über dreißig Jahre“.

Sie haben dich geschickt, damit ich widerrufe, nicht wahr, Giacomo. Sie lassen nichts unversucht“.

Giordano, du musst deinem Irrglauben abschwören. Warum rettest du dein Leben nicht? Sie werden dich verbrennen, lebendigen Leibes“.

Meinem Irrglauben? Von welchem Glauben sprichst du, Giacomo? Was weißt du von mir? Welche meiner Schriften hast du gelesen?“ Giacomo wollte etwas sagen, aber er ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Ja, ich weiß, es ist euch verboten. Und so glaubst du alles, was dir andere sagen. Verbringst dein ganzes Leben im selben Kloster und sprichst von meinem Irrglauben“. Eine Weile schwiegen beide. „Aber wir müssen nicht stehen, Giacomo“. Sie ließen sich im Stroh nieder und lehnten sich an die kalte Steinwand. „Ich weiß nicht, welche Lügen über mich verbreitet werden, aber wenn du schon einmal da bist, will ich dir erzählen, wie es mir in all den Jahren ergangen ist.

Du weißt sicher noch, wie die verbotenen Bücher gefunden wurden, die ich im Kloster versteckt hatte. Aber nicht allein deswegen musste ich aus Neapel fliehen. Über das Gebiet der Genueser bin ich in die Stadt Genf gekommen. Ich konnte mich an der Universität immatrikulieren, bekam aber bald Schwierigkeiten. Glaub mir, Giacomo, die Reformatoren dort sind die schlimmsten Eiferer. Was sie an der Religion verbessern wollten, haben sie völlig zerstört. Nach nicht einmal einem Jahr musste ich die Stadt verlassen und ging nach Toulouse. Dort konnte ich an der Hochschule Astronomie und Philosophie unterrichten.

Die nächste Station war die große Stadt Paris. Durch meine Vorlesungen machte ich mir einen Namen. Der König selbst hat sich für meine Gedächtniskunst interessiert und mich zum außerordentlichen Professor ernannt.

Von Frankreich ging ich weiter nach England, wo ich die Königin kennen lernte.

Die Ketzerkönigin?“, fragte Giacomo und schlug sicherheitshalber ein Kreuz.

Alles was ihr nicht kennt, alles was anders ist als ihr, ist für euch Ketzerei. Elisabeth ist eine sehr weise und einmalige Frau. Ich habe in London viele meiner Schriften verfasst. Aber halte den Menschen einen Spiegel vor, dass sie sich selbst erkennen, und sie werden dich hassen. Nach zwei Jahren musste ich England verlassen, war wieder in Paris, dann bei den Deutschen in Wittenberg, ein paar Monate in Prag und bin dann zu meinem Unglück zurück nach Venedig, wo mich Mocenigo an den Pater Inquisitor verraten hat. Mein weiteres Schicksal ist bekannt“.

Eine Weile schwiegen beide, bis Giordano Bruno, die Augen auf eine unbestimmte Ferne gerichtet, weitersprach. „Sie glauben, sie haben mich eingesperrt. Aber der Kerker, in dem meine Ankläger gefangen sind, ist viel tiefer. Es ist der Kerker ihrer Sinne, ihres Unverstandes, dem sie nicht entkommen können. Meine Harmonie mit dem Weltganzen können sie nicht zerstören, meine Einheit mit der Weltvernunft, dem primus intellectus. Ich habe die Angst in ihren Augen gesehen, als sie das Urteil verlasen. Sie werden meinen Körper verbrennen. Was sie nicht verbrennen können, ist die Wahrheit...“

Er hatte sich in Feuer geredet, dass seine Augen leuchteten. Der Besucher in der Zelle bekam es mit der Angst. Giacomo sprang auf und hämmerte mit der Faust an die Tür, bis geöffnet wurde. Ehe er verschwand, warf er noch einen letzten Blick des Entsetzens auf den Mann, der immer noch am Boden saß und sprach.

Wenige Tage später, am 17. Februar des Jahres 1600, wurde Giordano Bruno auf dem Campo dei fiori öffentlich verbrannt. Nach Berichten von Augenzeugen, soll er das Gesicht abgewandt haben, als ihm kurz zuvor ein Kreuz entgegengehalten wurde.