Galilei - Das Wunderrohr aus Holland

Vor vierhundert Jahren revolutionierte die Erfindung des Fernrohres das Weltbild des Menschen.

Die Anfänge des Fernrohres sind allerdings nicht überliefert. Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass in einer Brillenschleiferwerkstatt Kinder beim Spielen die Entdeckung gemacht haben, dass beim Blick durch zwei hintereinander gehaltene Linsen die Welt auf den Kopf gestellt wird. Der Effekt ließ sich zur Belustigung auf Jahrmärkten vorführen. Als die vergrößernde Wirkung bemerkt wurde, entstanden durch gezielte Kombination von Linsen die ersten Fernrohre mit einer etwa achtfachen Vergrößerung.

Ohne Aufsehen verbreitete sich die Erfindung in Europa, bis eine Anleitung zum Bau des Fernrohres in die Hände eines Wissenschaftlers gelangte.


Venedig, 21. August 1609

Galilei musste bei dem beschwerlichen Aufstieg in die Glockenstube des Campanile auf halber Höhe verschnaufen. Die Sonne hatte den Turm aufgeheizt, und auf der Stirn des fünfundvierzigjährigen Mannes hatten sich Schweißperlen gebildet.

Aus einem Fenster sah Galilei an der Außenmauer einen Holzkäfig schaukeln. Er war froh, dass der Käfig leer war. Solche Dinge ängstigten ihn. Gewiss brauchte er sich nicht persönlich davor zu fürchten. Man würde einen Wissenschaftler und Mathematikprofessor nicht in dieser Höhe baumelnd in der Sonne verhungern lassen. Dennoch, auch er musste sich in Acht nehmen. Wie schnell war ein unbequemer Denker wie er beim Heiligen Offizium denunziert.

Galilei setzte seinen Weg fort und ging nun ohne Unterbrechung bis ganz nach oben. Über ihm war jetzt nur noch das weiß grüne Spitzdach mit dem Erzengel Gabriel obenauf. Die Luft war in dieser Höhe besser als unten an den Kanälen und der Ausblick war überwältigend. Auf der einen Seite das Dächermeer der Stadt und auf der anderen die Lagune und die offene See.

Galilei lehnte sich über die steinerne Brüstung und sah auf die Piazzetta hinunter. Der Campanile war fast doppelt so hoch wie der Turm in Pisa und es wäre auch hier interessant gewesen, Beobachtungen fallender Körper zu machen. Aber nach so vielen Jahren des Experimentierens mit schiefen Ebenen, Pendeln und des lotrechten Falles sehnte er sich nach einem neuen Feld der Forschung.

Als jetzt unten eine Gruppe Menschen aus dem Dogenpalast kam, zählte Galilei sieben Personen. Das mussten die Patrizier sein, die er eingeladen hatte. Auf- und ablaufend wartete er auf die Herren. Für die Demonstration war alles vorbereitet. Als dann einer nach dem anderen aus dem dunklen Treppenaufgang die Plattform betreten hatte, gab es zwischen dem Ringen nach Luft ein Scherzen und Lachen.

Signor Galilei, was machen Sie mit uns? Das muss ja eine tolle Sache sein, dass Sie uns hier hoch locken.“ Galilei ließ die Männer erst zu Atem kommen und auch die Spannung noch etwas wachsen. Dann ging er zu einem Tisch und zog wortlos ein Tuch von einem Gestell. Zum Vorschein kam ein armlanges Rohr aus Weißblech mit rotem Stoff überzogen, das auf einem Dreifuß gelagert war. Galilei stellte durch die Röhre den Blick auf ein Objekt ein, das sich in recht großer Entfernung befand.

So, bitte, Signor Priuli, wenn Sie den Anfang machen möchten.“ Der Angesprochene stellte sich verwundert in Positur und blickte angestrengt in das Seerohr. Nach einem kurzen Moment riss er den Kopf hoch und blickte in die Ferne, als könne er seinen Augen nicht trauen.

Das ist doch ….“ Er sah wieder durch die Röhre. „Ganz unglaublich, San Giorgio Maggiore, als ob ich direkt vor der Kirche stehe.“ Nur mit Mühe konnte er sich von dem Wunder losreißen, um den anderen einen Blick zu ermöglichen. Während nun die Patrizier unter erstaunten Ausrufen nacheinander durch das Rohr sahen, erklärte Galilei den Nutzen eines solchen Fernrohres. Vor allem die Vorteile für das Militär hob er hervor. Zur See wäre ein Schiff immer überlegen, weil man die Segel des Feindes schon zwei Stunden früher sehen könnte. Zu Lande könnten alle Bewegungen und Absichten des Gegners ausspioniert werden.

Die Signoria, die Stadtherrschaft über Venedig, war von der neuen Erfindung so begeistert, dass dem Wissenschaftler Galileo Galilei das Amt als Professor für Mathematik auf Lebenszeit übertragen und sein Gehalt verdoppelt wurde. Das Fernrohr, das Galilei vorgeführt hatte, war zwar von ihm selbst gebaut worden, als der eigentliche Erfinder kann er aber nicht gelten. Dieses Verdienst gebührt holländischen Glasschleifern. Es wurde sogar erzählt, dass Kinder in der Brillenmacherwerkstatt beim Spielen mit den Linsen die Entdeckung gemacht hätten.

Diese ersten Fernrohre bestanden aus einem erhabenen und einem hohlen Glas, durch das der Betrachter ein aufrechtes, vergrößertes Bild sah. Über Frankreich gelangte die Kunde davon nach Italien. Galilei gelang der Bau eines Fernrohres mit achtfacher Vergrößerung, ohne dass er zuvor ein fertiges Gerät zu Gesicht bekam. Er hatte auch nie behauptet, dass er der Erfinder wäre.

 

Die Existenz des Fernrohres stellte im wissenschaftlichen Leben Galileis einen Wendepunkt dar. Galilei war nicht der erste Mensch, der ein Fernrohr auf den Sternhimmel richtete, aber er war der erste Wissenschaftler, der das tat. Seine Entdeckungen veröffentlichte er bereits wenige Monate nach seiner Vorführung auf dem Campanile.

Die Schrift Sidereus nuncius (Der Sternenbote) war eine Sensation. Galilei beschrieb ausführlich die Oberfläche des Mondes und veranschaulichte alles mit Detailzeichnungen. Der Mond besaß nicht die perfekte Gestalt, wie es immer geglaubt wurde, sondern seine Oberfläche war eine zerklüftete Landschaft mit Gebirgen, Tälern und tiefen Kratern. Die Konsequenz aus dieser Erkenntnis war enorm. Die bis dahin geltende strikte Trennung der irdischen und der himmlischen Welt geriet ins Wanken. Galilei war so kühn zu behaupten, die von der Sonne beleuchtete Erde würde aus der Ferne genauso aussehen. Die Vorstellung war unerhört neuartig. Die Erde also ein Himmelskörper im Kosmos, wie andere auch.

Mit dem nebligen Band der Milchstraße hatten die Philosophen Erklärungsprobleme. Galilei beschrieb, wie sich dieser ‚Nebel’ im Fernrohr in eine unbegreiflich hohe Zahl von Einzelsternen auflöste.

Er entdeckte, dass um den Planeten Jupiter vier Monde kreisten und zeigte über mehrere Tage deren exakte Position auf. War das nicht die von Kopernikus beschriebene Welt en miniature?

Im Fernrohr zeigte sich die Venus in einer Gestalt, wie sie nur vom Mond bekannt war. Die Venusphasen erfüllten eine weitere Forderung des kopernikanischen Systems.


Sieben Jahrzehnte war es schon her gewesen, dass Kopernikus sein großes Werk erst auf dem Sterbebett in den Händen hielt. In einem Vorwort hatten die Herausgeber die Kirche beschwichtigt. Das hätte alles keinen Anspruch auf Realität und wäre nur ein Rechenmodell.

Mit der Erfindung des Fernrohres und dem Erscheinen von Galileis Schrift geriet nun die ganze Sache erst richtig ins Rollen. Nichts mehr mit Rechenmodell. Nun wurde es ernst. Die Menschheit musste sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass die Erde ein Himmelskörper war, der mit großer Geschwindigkeit um die Sonne kreiste. Dagegen half auch der Widerstand der Kirche nichts mehr.

Der schon siebzigjährige Galilei musste unter Androhung der Folter vor den Kardinälen und Inquisitoren niederknien und der Lehre des Kopernikus abschwören. Den trotzigen Satz: Und sie bewegt sich doch, hat er nie gesagt. Das hätte sein sofortiges Todesurteil bedeutet. Seine Leistung konnte der Prozess nicht schmälern. Dreieinhalb Jahrhunderte mussten vergehen, bis Galilei rehabilitiert wurde.

Wegen der technischen Verbesserungen und der genialen Beobachtungsmethoden des großen italienischen Forschers wird die ursprünglich holländische Erfindung mit Recht Galileisches Fernrohr genannt.