Newton - Die zerstörte Harmonie

Als Isaak Newton, einer der genialsten Wissenschaftler der Geschichte, 1727 stirbt, erben seine Nachkommen einen Koffer voller Aufzeichnungen und Papiere. Zwar finden sich darunter, wie zu erwarten, Abhandlungen zur Mathematik und Physik, der überwiegende Teil aber handelt von Alchemie und religiösen Problemen. Der große Naturwissenschaftler, der den Menschen erklärt hat, was die Planeten auf ihren Bahnen um die Sonne hält, war sein Leben lang auf der Suche nach dem Stein der Weisen, dem Lebenselixier und hat sich mit Bibelproblemen geplagt, die zum Teil mystischen Charakter hatten.

Beide Seiten sind eng miteinander verwoben und ergeben erst gemeinsam das Bild des Genies Newton. Ohne den Mystiker und Alchemisten hätte es den Wissenschaftler nicht geben können.

 

Die Architektur des Trinity – Colleges in Cambridge musste jedem neu ankommenden Studenten einen ehrfürchtigen Respekt einflößen. Das reichlich mit Ornamenten versehene Portal des Haupteingangs war flankiert von vier alles überragenden Ecktürmen. Ein langgestrecktes Kirchengebäude grenzte den Innenhof ab. Die Grünflächen waren symmetrisch angelegt, von zierlichen Zäunchen umgeben und sehr gepflegt.

Die Lehranstalt beherbergte in ihren Mauern einen Mann, der als ein etwas wunderlicher Kauz galt. Isaak Newton hatte offiziell den Lehrstuhl für Mathematik inne, manche sahen in ihm einen Naturphilosophen oder Theologen, von seinen Ansichten aber wusste niemand etwas zu sagen. Bekannt war nur, dass er in einem kleinen Laboratorium neben der Kapelle die geheimen Künste der Alchemie betrieb. Wie lange der Professor schon so zurückgezogen im College lebte, konnte niemand genau sagen. Seine Wohnräume hatte Isaak Newton gleich neben dem Haupteingang im ersten Stock. Von hier sah er auf einen Garten mit quadratisch angelegten Beeten und auf den Zugang zum Portal.

Grüblerisch hinter seinem Fenster, sah Professor Newton einer Gruppe Studenten zu, wie sie ausgelassen und sich gegenseitig neckend dem Eingang zustrebten. Er mochte die unernste Art der jungen Leute nicht. Gefährliche Thesen hatten sich unter ihnen breit gemacht. Der Cartesianismus war Schuld. Diese mechanische Philosophie wollte die ganze Welt erklären. Da hatte jede Wirkung eine mechanische Ursache. Die Sinneswahrnehmung, die Lichtbrechung, alles hatte der Franzose auf Bewegung und Stoß seiner Partikel reduziert. Den ganzen Kosmos hatte er mit seinen Teilchen angefüllt, damit ihre Wirbelbewegungen die Planeten auf ihren Bahnen halten sollten. Für Gott war kein Platz mehr. Eine falsche Konsequenz modernen Denkens, von der er sich zurückgezogen hatte.

Er selbst sah ja gerade in den Erscheinungen der Natur das Handeln Gottes. Welch ein erhabenes Gefühl war es, Gottes Gegenwart zu erforschen. Manchmal genügte es schon alltägliche Erscheinungen zu analysieren, um Schlüsse auf das Weltganze zu ziehen.

Er erinnerte sich an den Versuch mit dem Eimer, den er mit Wasser gefüllt und an die Decke gehangen hatte. Der Eimer wurde so lange gedreht, bis das Wasser genau so schnell war. Dann hatte er das Gefäß abrupt angehalten. Das Wasser drehte sich weiter, im Zentrum schneller und der nach oben gewölbte Rand langsamer. Ohne die Reibung der Eimerwand würde sich das Wasser endlos so drehen. Endlos wie die Rotation der Erde. Keine Kraft wirkte dagegen.

Plötzlich fiel Newton an seinem Fenster ein, dass er diesem Planetenforscher Mr. Halley versprochen hatte, nach alten Aufzeichnungen zu suchen. Halley war mit Robert Hook und Sir Christopher Wren in ein mathematisch - astronomisches Streitgespräch geraten und hatte sich dabei des schweigsamen Mr. Newton erinnert. Dieser hatte eine Lösung des Problems, um das es den Herren ging, bereits vor zwanzig Jahren vorgeschlagen. Demnach gab es eine Kraft, die in Richtung auf die Sonne wirkt, und deren Betrag umgekehrt proportional zum Quadrat der Entfernung ist. Damals, als das College wegen der Pest geschlossen werden musste, hatte er diese Theorie der Gravitation erarbeitet, hatte mathematische Entdeckungen gemacht und Versuche auf dem Gebiet der Optik angestellt. Diese Arbeiten lagen jetzt verschüttet unter tausenden von Aufzeichnungen in irgend einem Schubfach.

Bei der Suche stieß er auf Notizen, an denen er sich festlas. Der Prophet Daniel am Hof Nebukadnezars. Er ging mit dem Blatt zum Tisch auf dem die völlig zerlesene Bibel lag. Er war überzeugt davon, dass der Schöpfer in den Symbolen und Allegorien der Heiligen Schrift seinen Weltplan mitteilte. Er musste die Texte nur richtig entschlüsseln, um das verloren gegangene Wissen wieder zu entdecken.

Als um die Mittagszeit ein junger Magister anklopfte, um den Professor an das Essen zu erinnern, riss sich Newton zwar vom Tisch, aber nicht von seinen Gedanken los. Abwesenden Gesichts ging er den Gang auch da geradeaus weiter, wo er zum Speisesaal hätte abbiegen müssen. Dann stand er einen kurzen Augenblick am Ende der Sackgasse in die er gelaufen war, machte kehrt und ging den gleichen Weg zurück in seine Wohnung. Die Gruppe Studenten, die er gar nicht wahrgenommen hatte, konnte ihr Lachen kaum unterdrücken.

Edmond Halley musste viel Geduld aufbringen, bis er das kleine Manuskript in Händen hielt, um das er vor Monaten gebeten hatte. Bei der Diskussion mit Hook und Wren war es um nichts Geringeres als um ein „System der Welt“ gegangen. Was hielt die Planeten auf ihren Bahnen um die Sonne? Theorien gab es genug, eine magnetische Wirkung, Descartes wirbelnde Teilchen. Eine mathematisch fundierte Erklärung hatte sich Halley insgeheim von Newton erhofft.

Halley erahnte das mathematische Genie des Professors in Cambridge, obwohl lediglich ein paar Briefe vor langer Zeit an die Öffentlichkeit geraten waren, die von komplizierten Problemen der Kurvenberechnung handelten. Die genaue Methode hatte Newton für sich behalten. Als damals seine Theorie über das Wesen der Farben auf allgemeine Ablehnung gestoßen war, hatte sich Newton endgültig hinter die Mauern des Trinity – Colleges zurückgezogen und sich mit theologischen Dingen und Alchemie befasst.

Das kleine Manuskript, das Halley im November 1684 schließlich in Händen hielt, übertraf noch seine Erwartungen. Er ermunterte Newton die Theorien weiter zu entwickeln und stellte den Kontakt zur Royal Society her. Halleys Begeisterung riss Newton aus seiner Vereinsamung. Von nun an arbeitete er wie besessen, Nächte hindurch und Mahlzeiten auslassend. Seine Erkenntnisse waren genial, neuartig, schwer verständlich. Halley musste sich um Akzeptanz bemühen und finanzierte zu allem auch noch den Druck des epochalen Werkes mit dem Namen Principia.

In den ersten beiden Teilen ging es vorwiegend um mathematische Probleme und die Bewegung von Körpern im Leeren und in Widerstand erzeugenden Medien. Der dritte Teil handelte von dem Thema, welches die Sache ins Rollen gebracht hatte: „Das System der Welt“, Newtons neue Kosmologie.

Die Bewegung der Planeten im leeren Raum wurde nicht nur qualitativ erklärt, sondern hatte nun auch eine konkrete mathematische Basis. Eines der Axiome der Bewegung lautet: Der Einwirkung einer Kraft ist die Rückwirkung immer entgegengesetzt und gleich. In Bezug auf die Bewegung der Planeten, sind die Konsequenzen enorm. Die Größe der Anziehungskraft, die zwischen zwei Massen herrscht, ist proportional zum Produkt der Massen und umgekehrt proportional zum Quadrat der Entfernung. Die Sonne übt also nicht allein eine Anziehung auf die Planeten aus, sondern auch die Planeten auf die Sonne. Von nun an wurde die Sache äußerst kompliziert. Betrachtet man Sonne, Mond und Erde, so übt jeder der drei Himmelskörper eine Gravitationskraft auf die jeweils beiden anderen aus. Eine Berechnung der Bahnen ist ein Problem, das bis in unsere Tage Mathematiker und Astronomen beschäftigt.

Johannes Kepler hatte nachgewiesen, dass es im Kosmos die harmonischen Kreise des Kopernikus nicht gibt. Nach Newton hatten die idealen Ellipsen Keplers keine absolute Gültigkeit mehr. Der Gravitationseinfluss der Planeten, besonders des massereichen Jupiter, ist so groß, dass der Masseschwerpunkt des Systems noch außerhalb des Sonnendurchmessers liegt.

Isaak Newton blieb sein ganzes Leben ein tief religiöser Mensch. Nach seinen eigenen Worten diente sein Schaffen immer „dem Ruhm Gottes“.