Henning Brandt - Die Entdeckung des 13. Elements

Jahrhunderte gaben Menschen ihren Erfindungsreichtum und ihre Energie daran, aus unedlen Metallen Gold herstellen zu können und so über Nacht reich zu werden. Der römische Kaiser Diokletian erließ ein Gesetz, das die Herstellung von Gold unter Strafe stellte. Aber nicht etwa, weil er zu der Einsicht gekommen war, dass solche Bemühungen Unsinn wären. Im Gegenteil, er hatte Angst vor den wirtschaftlichen Folgen, wenn so etwas gelingen sollte. Man kann die von Habgier getriebenen Alchemisten nicht als Naturwissenschaftler bezeichnen. Und dennoch führte der Weg zur modernen Chemie nur über sie. Wenn sie ihr eigentliches Ziel auch immer verfehlten, so hatten ihre Experimente doch oft ganz verblüffende Ergebnisse.

Ein in dieser Hinsicht ganz besonders denkwürdiger Fall ereignete sich 1669 in Hamburg.



Seit einiger Zeit roch es unangenehm in der Gegend um den Michaelisplatz. Dieser Geruch führte zu einem Haus, wo er sich zu einem wahren Gestank verdichtete. Das Haus gehörte einem gewissen Henning Brandt. Herr Brandt galt als ein etwas wunderlicher Kauz. Die Leute wussten nur, dass er mal in der Armee gedient hatte und dann als Arzt tätig war, obwohl er nie richtig studiert hatte. Latein konnte er jedenfalls nicht.

Was er in seinem Haus nun wieder experimentierte, darüber gab es in der Nachbarschaft ein Köpfe zusammenstecken und Tuscheln. Herausbekommen hatte es noch niemand. Henning Brandt war ein Mann, der seine Geheimnisse wohl behütete.

Als wieder ein Wagen vor dem Haus hielt, und weitere Eimer unbekannten Inhalts hereingetragen wurden, riss seiner Frau Margarete der Geduldsfaden.

Henning, es reicht. Jetzt ist endgültig Schluss mit dem Unfug.“

Red’ doch nicht so laut, Frau!“ Er versuchte Margarete zu beruhigen. Sie wartete noch ab, bis die Träger ihre Last im Keller abgestellt hatten und wieder aus dem Haus waren. Dann aber gab es kein Halten mehr.

Ich weiß wirklich nicht, was ich den Nachbarn noch sagen soll. Wir machen uns doch lächerlich. Aus Urin Gold machen, hat ein Mensch je einen solchen Unsinn gehört?“

Ja meinst du denn, ich bin der erste, der das versucht ?“

Na und“, entgegnete Margarete. „ Ist es schon mal jemandem gelungen?“

Ihr Frauen versteht auch gar nichts. Den Nutzen hat doch nur der erste, dem es gelingt.“

Ja aber warum muss es denn ausgerechnet Urin sein?“

Die Farbe, Margarete, die Farbe verrät, dass im Urin Gold enthalten sein muss.“

So so, die Farbe. Dein Urin, der muss ja ganz besonders golden aussehen, sonst würdest du nicht auf solche Ideen kommen. Und warum müssen es gleich fünfzig Eimer sein? Hier tränen einem ja schon die Augen vor Gestank.“

Henning Brandt kam nicht mehr zu Wort. Er ließ seine Frau keifen, drehte sich um und stieg die Treppe hinab ins Kellergewölbe, das ihm als Laboratorium diente. Er wusste genau, was er tat. Am Ende würde er über alle triumphieren.

Margaretes Geduld wurde während der nächsten Wochen noch auf eine harte Probe gestellt. Als der Urin in den Eimern verdunstet war, kratzte Brandt den klebrigen Bodensatz zusammen und verkochte alles zu einer pastenförmigen Masse, die er dann lange Zeit stehen ließ, bis die Substanz schwarz und vergoren war. Dann vermischte er das Ganze mit Sand und erhitzte das Konzentrat.

Rot glühte der Holzkohleofen und er trat kräftig den Blasebalg, als das Wunder geschah. Die Dämpfe in der Retorte begannen zu glühen, und eine leuchtende Flüssigkeit tropfte heraus. Mit zitternden Händen fing er die seltsamen Tropfen in einem Glasgefäß auf. Als alles längst abgekühlt war, leuchtete die Substanz in unverminderter Helligkeit weiter, und auf der Oberfläche tänzelten schaurig grüne Flämmchen. Seine Fähigkeit zu leuchten verlor der seltsame Stoff auch dann nicht, wenn er nur im Dunkeln aufbewahrt wurde. Seine Entdeckung nannte Henning Brandt ‚Phosphor’, vom griechischen ‚phos’ (Licht) und ‚phorein’ (tragen).

 

Aus der Antike waren neun Elemente bekannt, und im Mittelalter kamen drei weitere hinzu. Brandt hatte also das dreizehnte Element entdeckt, und noch dazu eines, das in reiner Form nicht auf der Erde vorkommt.

Von all dem konnte der Entdecker des Phosphors aber nichts wissen. Für ihn war die Substanz, die so geheimnisvoll im Dunkeln leuchtete, der Stoff, mit dem er sein Ziel, Gold zu machen, doch noch erreichen wollte. Als nach jahrelangen Versuchen der Familie aber die finanziellen Mittel ausgingen, war Brandt gezwungen, seine Entdeckung preiszugeben. Er führte Freunden und Bekannten den Stoff vor. Bald war das Phosphor Hamburger Stadtgespräch, und die Nachricht verbreitete sich. Brandt bekam Besuch von hochrangigen Hofalchemisten. Aus Geldnot verkaufte er Proben seines Phosphors, behielt aber das Herstellungsverfahren noch für sich.

Von nun an wurde der neue Wunderstoff an allen Höfen Europas in Schauexperimenten vorgeführt. Die Kerzen wurden gelöscht und dem staunenden Publikum selbstleuchtende, weil mit Phosphor nachgezogene, Schriftzüge gezeigt. Oder so behandelte Körperteile von Personen wandelten gespenstisch im Dunkeln umher.

Bei einer solchen Vorführung in Hannover war der noch junge Leibniz zugegen. Es gelang ihm allerdings nicht, etwas über die Herstellung des Phosphors in Erfahrung zu bringen. Durch Zufall, Leibniz hatte geschäftlich in Hamburg zu tun, machte er den eigentlichen Erfinder des Phosphors ausfindig. Gegen ein entsprechendes Entgeld war Henning Brandt bereit, in Hannover die Herstellung der Substanz vorzuführen.

Doch auch andere Alchemisten hatten herausgefunden, wie der Leuchtstoff zu gewinnen war, denn die Ausgangssubstanz konnte auf Dauer kein Geheimnis bleiben. Als 1677 Phosphor vor der Royal Society in London demonstriert wurde, war Robert Boyle, einer der Gründerväter der Chemie, anwesend. Boyles Laborgehilfe zog die Produktion von Phosphor danach groß auf und machte guten Gewinn. So wurde das neu entdeckte Element, wenn auch auf Umwegen, doch noch zu Gold.

Einer der ersten Anwendungsbereiche des Phosphors, war die Medizin. Was so geheimnisvolle Eigenschaften besaß, musste doch Wunder bewirken. Und schließlich kam die Substanz ja direkt aus dem menschlichen Körper.

Tatsächlich wäre das Leben auf unserem Planeten ohne Phosphor gar nicht möglich. Unsere DNA besteht aus fünf Elementen: Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff und eben Phosphor. Durch die Nahrungsaufnahme gelangt mehr Phosphor in unseren Körper, als wir benötigen. Ein Erwachsener scheidet pro Liter Urin 1,4 g wieder aus.

Als Medizin ist Phosphor jedoch denkbar ungeeignet, weil hochgiftig. Zum Glück für die Patienten waren die geringen Dosen aber schon so oxidiert, dass meistens kein größerer Schaden entstand. Der Glaube an eine positive Wirkung hielt sich bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts.

Eine bedeutende Rolle spielte Phosphor bei der Erfindung des Streichholzes ab 1830, was das Alltagsleben der Menschen erleichterte. Das Element wurde nun weniger widerwärtig aus Knochen gewonnen, und ein Gramm reichte schon für Tausend Zündhölzer. Diese Hölzer mit weißem Phosphor (P4) waren noch zu gefährlich und entzündeten sich schon, wenn sie nur in der Sonne lagen. Mit der Erfindung des roten Phosphors, einer stabileren Molekülstruktur, konnten dann die sogenannten Sicherheitszündwaren produziert werden.

Als ab 1882 große Mengen Phosphor mit Elektroöfen aus Phosphatgestein hergestellt werden konnten, begann die finsterste Seite der Anwendung. Bei den Eigenschaften des Elements, konnte es nicht ausbleiben, dass die Militärs für ihre schändlichen Zwecke davon Gebrauch machten. Weil brennender Phosphor dichten, weißen Rauch entwickelt, wurden im Ersten Weltkrieg auf diese Art künstliche Nebelwände erzeugt, was allerdings, mit dem Blick auf das, was noch kommen sollte, harmlos war.

Einen traurigen Höhepunkt der Verwendung Phosphors als Waffe, stellte die „Aktion Gomorrah“ im Juni 1943 dar. 37000 Menschen starben in einem Feuersturm, als in mehreren Tagen 1900 t brennender Phosphor über Hamburg abgeworfen wurden. Ausgerechnet Hamburg, die Stadt in der Henning Brandt 1669 das dreizehnte Element der Menschheit entdeckt hatte.