Kosmisches Billard

Komet ISON, aufgenommen am 14.11.2013 von Peter Rucks.

Jedes Jahr erscheinen am Nachthimmel entsprechend der Jahreszeit dieselben Sternbilder. Ihre Namen haben sie von den Griechen, die diese Sternbilder vor mehr als zweitausend Jahren genau so gesehen haben, wie wir sie heute kennen.

In immer der gleichen Abfolge erscheinen Orion in den kalten Winternächten, der Löwe wenn die Tage wieder länger werden und in der warmen Jahreszeit die Bilder des Sommerdreiecks. Nur die Planeten verändern ihre Position zwischen den Fixsternen, was aber auch keine wirkliche Abwechslung ist, weil die Stellung der Planeten lange vorausberechnet ist.

Und doch ist die Astronomie nicht ganz ohne überraschende Ereignisse. Kometen tauchen plötzlich auf, sind für eine Weile am Nachthimmel sichtbar und verschwinden wieder in der Tiefe des Raumes. In früheren Zeiten galten diese sonderbaren Objekte als Vorboten großen Unheils. Was die Harmonie des Himmels störte, konnte nichts Gutes bedeuten.

Als 1682 ein Komet am Nachthimmel zu sehen war, behauptete Edmund Halley, es handele sich um denselben Kometen, der schon 1607, 1531 usw. sichtbar war. Ein periodisch wiederkehrender Komet, der die Sonne auf einer langgestreckten Ellipse in 76 Jahren umkreist.

Heute werden, Dank der guten Beobachtungstechnik, im Jahr 20 bis 30 Kometen beobachtet. Kometen bestehen aus Staub und Eisklumpen. In einem Brennpunkt der stark elliptischen Umlaufbahn befindet sich die Sonne. Auf dem Weg hin zur Sonne nimmt die Geschwindigkeit eines Kometen zu und verlangsamt sich nach der Umrundung der Sonne bis zum anderen Ende der Ellipse.

Der für Kometen typische Schweif entsteht, weil die Energie und der Strahlungsdruck der Sonne Material vom festen Kometenkern wegdrückt. So verlieren Kometen bei jedem Umlauf um die Sonne einen Teil ihrer Masse. Sie können sich also nicht seit der Entstehung des Sonnensystems auf diesen Umlaufbahnen befinden.

1950 hat Hendrik Oort die nach ihm benannte Oortsche Wolke postuliert, eine die Sonne umgebende Hülle aus Staub und Eis bis in eine Entfernung von 1,6 Lichtjahren. Durch Gravitationsfelder benachbarter Sterne in Bewegung gehalten, kollidieren diese Körper wie Billardkugeln. Dabei geraten einige in eine Umlaufbahn um die Sonne und erscheinen als für uns sichtbare Kometen am Nachthimmel.

Der spektakulärste Überraschungsgast aus der Oortschen Wolke ist 2013 der Komet Ison. Entdeckt wurde Ison schon im September von zwei russischen Astronomen. Am 28.11. hat Ison den geringsten Abstand zur Sonne und wird die Rückreise zur Oortschen Wolke antreten. Fragt sich nur in welchem Zustand. Ison kommt der Sonne bedrohlich nahe. Die Entfernung Erde-Sonne bezeichnet man als eine Astronomische Einheit, AE. Ison passiert die Sonne in einem Abstand von 0,01 AE. Pro Sekunde verliert er dabei drei Mio. Tonnen seiner Masse. Die allgemeine Prognose, der Komet würde völlig zerstört werden, hat sich, wie die neuesten Meldungen besagen, nicht bestätigt.

So können wir hoffen, zu Weihnachten doch noch einen prächtigen Kometen zu sehen. Am 27.12. hat Ison mit 0,4 AE den geringsten Abstand zur Erde. Sein Schweif hätte dann eine Länge von 8°. Wie vor 2000 Jahren der Stern von Bethlehem, ist 2013 dann der Komet Ison das Zeichen am weihnachtlichen Himmel.

An dieser Stelle sollte mein Bericht vom Kometen Ison eigentlich enden. Doch jetzt, wenige Tage später, ist es endgültig zur Gewissheit geworden. Unsere Hoffnungen auf einen Weihnachtskometen werden sich nicht erfüllen.

Drei Millionen Jahre hat Isons Reise aus der Oortschen Wolke bis zu uns gedauert. Eine Reise ohne Rückfahrt. Der Komet ist der Sonne zu nahe gekommen. Übriggeblieben ist ein riesiges Trümmerfeld aus Staub und Gestein, ein Schicksal, das schon viele Kometen vor Ison ereilt hat. Wenn die Erde auf ihrem Weg um die Sonne die Bahn solcher Reste eines zerstörten Kometen passiert, können wir für ein paar Stunden am Nachthimmel das Verglühen der Überreste einstiger Kometen als Meteore beobachten.

Allen ein schönes Weihnachten

Bernd Lohse