Herschels Sternstunde

Friedrich Wilhelm Herschel stand es frei ein ruhiges Leben als Musiker mit einem gesicherten Auskommen zu haben. Aber seit er sich mit der Astronomie beschäftigt, ist es vorbei mit der Ruhe. Leidenschaftlich und geradezu besessen geht er vollkommen in seinem Hobby auf. Nach jahrelanger rastloser Arbeit im Alleingang hat er das Quäntchen Glück, das manchmal nötig ist. Es ist buchstäblich das Glück des Tüchtigen.

Was als Hobby begann, endet mit Weltruhm. Herschel setzt mit seiner Entdeckung einen Meilenstein in der Astronomiegeschichte.

 

Bath, Südengland, 13. März 1781

Am Nachmittag stand Friedrich Wilhelm Herschel im Garten seines Hauses und schaute in den Himmel. Das wird eine lange Nacht werden, dachte er. Eine lange Nacht, nach einem arbeitsreichen Tag. Seine Kleidung war pechverschmiert und die Hände noch voller Poliermittel. Nur für diesen Augenblick hatte er sich von der Arbeit losreißen können, um zu sehen, ob das Wetter günstig ist.

Den ganzen Tag hatte er mit dem Polieren des neuen Spiegels verbracht. Es war wie eine Sucht. Immer größere Durchmesser, mehr Licht, schärfere Abbildung. Nichts und niemand konnte ihn von dieser Arbeit abhalten. Schwester Karoline musste ihm bei der Arbeit das Essen bissenweise in den Mund schieben. Arme Schwester. Als einzige Frau im Hause versuchte sie so etwas wie Ordnung zu halten. Das ganze Leben im Hause Herschel ordnete sich dem Bau von Teleskopen unter. Gläser schleifen, Okulare anfertigen. Jeder Raum wurde genutzt. Bei wem stand schon eine Drehbank im Schlafzimmer?

Dabei hätten sie es so einfach haben können. Als Musiker würde er gut verdienen. Er war beliebt gewesen bei den gutzahlenden Reichen, als Violinist, Organist. Seine kleinen Symphonien und Konzerte kamen an. Selbst mit dem Bruder des Königs hatte er musiziert. War er eigentlich noch Musiker? Wohl kaum. Die Musik wurde immer mehr zum lästigen Nebenher. Konnte er sich schon Astronom nennen? Auch das nicht. Allenfalls Hobbyastronom.

Er fragte nicht danach, ob es lächerlich war, was er tat. Er konnte einfach nicht anders. Anderthalb Jahrzehnte war das nun schon her, seit er abends im Bett Fergusons „Astronomie“ gelesen hatte. Gleich am nächsten Tag hatte er sich ein kleines Teleskop ausgeliehen. Was er damit sah, hatte ihn von Anfang an begeistert. Bald genügte das geliehene Instrument nicht mehr, und er begann mit dem Bau eigener Teleskope nach der Anleitung von Smith’s „Optik“.


Dass er Karoline vor zehn Jahren aus dem heimatlichen Hannover hierher geholt hatte, war eine gute Entscheidung gewesen. Ohne sie wäre die ganze Arbeit nicht möglich.

Trotzdem wäre er ohne den Zufall im Winter vor zwei Jahren noch völlig unbekannt. Er wusste gar nicht, wer der Gentleman war, der ihn im Dunkeln angesprochen hatte. Ob er ihm wohl mal einen Blick durch das Okular gestatten würde? Den Mond hatte er gerade beobachtet, und der Herr war begeistert. Wie sich dann herausstellte weniger vom Mond selbst, als von der Brillanz der Abbildung. Woher er dieses Teleskop hat, wollte er wissen. Die Antwort, es sei ein Eigenbau, hatte ihn so beeindruckt, dass er sich sogleich vorstellte: Sir William Watson, Mitglied der Royal Society of London und der Philosophical Society of Bath. Mr. Watson wurde sein Freund und Gönner. Er hatte ihn in die gelehrte Gesellschaft eingeführt, ihn, Friedrich Willhelm Herschel, einen Mann ohne abgeschlossene Schulbildung, mit seinem bisschen Garnisonsschule in Hannover, den der siebenjährige Krieg hierher nach England verschlagen hatte.

Er profitierte ungemein vom Umgang in der Society. Und doch war er von ganz anderer Art. Was allen diesen Universitätsgebildeten fehlte, war sein grenzenloser Enthusiasmus und praktischer Sinn. Er handelte immer nach John Loches Satz, wonach die Ursprünge der Ideen aus zweierlei ihren Anfang nehmen: Die äußeren materiellen Dinge, als die Objekte der Sinneserfahrung, und die inneren Operationen unseres Geistes. Also ist das bloße Anhäufen von Beobachtungen fruchtlos, und das reine Ausdenken von Theorien führt zu haltlosen Spekulationen.

Er kehrte aus seinen Gedanken wieder in die Wirklichkeit zurück, schaute noch einmal in den blauen Himmel und ging langsam wieder ins Haus.


Das Wetter hielt sich bis zum Abend. Noch ehe es völlig dunkel war, machte er das Teleskop im Garten startklar. Nur jede Zeit ausnutzen, die zur Beobachtung geeignet war. Er arbeitete nicht planlos. Sein Ziel war der Vergleich und das genaue Verzeichnen aller Sterne bis zur Größenklasse 8. Seine zweite Durchmusterung des Himmels. Bei der ersten Durchsicht vor einigen Jahren, hatte er alle Sterne bis zur Klasse 4 verzeichnet. Also alles im sichtbaren Bereich. Bei dieser Aufgabe nun, betrug die Anzahl der Sterne ein Mehrfaches. Eine enorme Arbeit, wie sie in dieser Systematik noch niemand unternommen hatte.

Die Stunden gingen dahin. Verzeichnen der Sterne, Weiterrücken zum nächsten Bildausschnitt. Er arbeitete jetzt im Bereich des Sternbildes Stier. Viel hatte nicht gefehlt, und er wäre zum nächsten Bildbereich übergegangen, da fiel ihm auf, dass nahe des ζ Tauri der untere von zwei Sternen ein etwas anderes Aussehen hatte. Der Stern war nicht ganz scharf, etwas verwaschen. An der Abbildung des Gerätes konnte das nicht liegen. Alle andern Sterne waren gestochen scharf. Nur dieser eine nicht. Was war das für ein seltsames Objekt? Es ließ sich mit nichts vergleichen, was er jemals gesehen hatte. Am ehesten war es noch ein Komet,

obwohl der dafür charakteristische Schweif fehlte.

Diesen Abend beschäftigte er sich nur noch mit der neuen Entdeckung. Andere Vergrößerungen wurden probiert. Er wechselte von 227fach auf 469fach, dann gar auf 932fach. Er wusste, dass zum Beispiel Planeten im gleichen Verhältnis größer werden, Fixsterne aber nicht. Als er die Okulare gewechselt hatte, verhielten sich alle Sterne, wie er es kannte. Das neue Objekt wurde flächenhaft. Er suchte einen Namen für die Erscheinung und nannte sie in Gedanken „Nebelstern“.

 

Sein Nebelstern ging ihm in den nächsten Tagen nicht aus dem Sinn. Er sandte einen „Bericht über einen Kometen“ an die Royal Society. Von hier verbreitete sich die Nachricht über die Grenzen Englands hinaus. Herschel erhielt Post vom berühmten Charles Messier, Direktor der Sternwarte von Paris, der ihm zu seiner Entdeckung gratulierte. „Ich kann kaum verstehen, wie Sie diesen Stern – oder Kometen – mehrere Male hintereinander wiederfinden konnten“. Die Fachwelt konnte kaum glauben, dass ein Liebhaber der Astronomie im Besitz eines solchen Teleskops war. Die bedeutendsten Astronomen beobachteten von nun an den vermeintlichen Kometen. Als nach drei Monaten genügend Daten der Eigenbewegung des Objektes vorlagen, die eine Bahnberechnung ermöglichten, war die Sensation perfekt.

Herschels Entdeckung entpuppte sich als ein neuer Hauptplanet unseres Sonnensystems jenseits der Saturnbahn. Nach Jahrtausenden astronomischer Beobachtung kam zum ersten Mal zu den schon im Altertum bekannten Planeten ein neuer hinzu. Die Grenzen des bisherigen Sonnensystems waren nun weit nach außen verschoben, eine Erkenntnis, die hervorragend zur wissenschaftlichen Aufbruchstimmung dieser Zeit passte. Interessanterweise war das Gestirn schon früher beobachtet und in Karten eingetragen worden. Aber immer nur als Fixstern. Seine wahre Natur war aufgrund der geringeren Leistung der Fernrohre verborgen geblieben.

Um jeden Streit zu vermeiden, der eine Namensgebung nach lebenden Personen mit sich bringen musste, einigte man sich, die Reihe der alten Götter fortzusetzen und nannte den neuen Planeten „Uranus“. Seine Entdeckung begründete Herschels Weltruhm. Bereits ein Jahr später erfolgte seine Ernennung zum Königlichen Astronomen, mit einem jährlichen Festgehalt. Auch die Teleskopwerkstatt des Hauses Herschel wurde immer profitabler. Zu den gut zahlenden Kunden gehörten unter andern der spanische König, der russische Zar und der Kaiser von Österreich.

Trotz des Ruhmes setzte Herschel die praktische Forschungsarbeit bis an sein Lebensende fort. Wann immer vom Planeten Uranus die Rede war, bezeichnete er ihn als „mein Planet“.


Für einen Umlauf um die Sonne benötigt der Planet Uranus vierundachtzig Erdenjahre. 1822 starb der große Astronom Herschel. Er war vierundachtzig Jahre alt geworden.