Antoine Laurent Lavoisier

Obwohl Antoine Laurent Lavoisier begeistert von den neuen Idealen ist und für die Revolution wertvolle Dienste leistet, kann er dem Terror der Jakobiner nicht entkommen. Neben seinem Leben als Wissenschaftler war er auch für das Ancien Regime tätig, was ihm zum Verhängnis wird.

Im Mai 1794 muss er unter den Augen der Öffentlichkeit das Schafott besteigen. Im Angesicht des nahen Todes macht er einen gefassten Eindruck und bewahrt seine Würde bis zum Schluss. Die Kraft dazu gibt ihm ein glückliches und erfülltes Leben, auf das er zurückblicken kann.

 

Das Revolutionstribunal sprach die Urteile in immer kürzeren Abständen. Schuldig, schuldig, Tod. In ganzen Gruppen standen die Angeklagten vor Gericht. Das Übel im Innern der jungen Französischen Republik musste ausgerottet werden, schnell und unerbittlich. Die Richter und Geschworenen bargen ihre Nervosität hinter ungerührt wirkenden Gesichtern. Jede Milde konnte als Schwäche ausgelegt werden, und Schwäche war schon Verrat an der Revolution.

Antoine Laurent Lavoisier hatte den Urteilsspruch innerlich gefasst aufgenommen. Etwas anderes hatte er nicht erwartet. Diese Fahrt in dem geschlossenen Wagen mit den anderen Verurteilten war wohl seine vorletzte Fahrt durch Paris. Die letzte würde die zum Richtplatz sein.

Der Wagen rumpelte über das Pflaster in den Gefängnishof von Port Libre, und unter der Bewachung von Revolutionären mit aufgepflanzten Bajonetten wurden die Verurteilten zurück in das langgestreckte Gebäude geführt. Port Libre war das Gefängnis für die wohlhabenderen Gefangenen. Das Grundrecht der Republik auf Versammlungsfreiheit galt groteskerweise auch für die Gefängnisse. So konnten die Gefangenen unter den Innschriften von Menschlichkeit und Menschenrechten an den Wänden Dame und Karten spielen oder endlos debattieren.

Als Lavoisier den Salon betrat, stand ihm der alte Marquis, mit dem er sich angefreundet hatte, gegenüber. Dessen ganzer Blick war Ausdruck der einen bangen Frage. Lavoisier machte mit der Hand eine Bewegung in Richtung seines Halses, die andeutete, dass er wohl bald einen Kopf kürzer sein würde. Sofort füllten sich die Augen des Alten mit Tränen.

„Aber das ist doch Wahnsinn“, rief er verzweifelt aus.

„Gewiss haben sie Recht“, antwortete Lavoisier. „Die Revolution der Franzosen ist ja auch eine ungeheure Genietat, die, wie jedes Genie, ohne Wahnsinn nicht auskommt. Schließlich war ich unter dem König Generalsteuerpächter, und das wird mir jetzt zum Verhängnis.“

Der Marquis hatte sich unterdessen etwas beruhigt. „Ich bewundere Ihre Gelassenheit, Lavoisier. Und das in Ihrem Alter.“

„Ach was, mein lieber Marquis, immerhin habe ich es mit meinen fünfzig Jahren bis an die Schwelle des Altwerdens gebracht. Was zählt im Leben, ist doch nicht die bloße Anzahl der Jahre. Viel bedeutender ist doch, wie diese Zeit verlebt wurde, war man bei guter Gesundheit, womit waren diese Jahre ausgefüllt, was hat man erreicht. Wenn ich jetzt auf mein Leben zurückblicke, rechne ich mich zu den glücklichsten Menschen. Daran wird auch die Situation, in die ich geraten bin, nichts ändern.

In Anbetracht seines eigenen, in luxuriösem Nichtsnutz zugebrachten Lebens, war der alte Aristokrat bei diesen Worten etwas beschämt.

Am Abend saßen beide abseits von den anderen im Salon beisammen. Der alte Mann wollte vom Leben des Jüngeren mehr hören. Von seinem eigenen gab es, wenn er es recht bedachte, kaum Erwähnenswertes zu berichten. Lavoisier sammelte sich einen Moment.

„Wenn ich das, was ich geleistet habe, als Fazit wiedergeben sollte, würde ich es so sagen: Zu der Zeit, als ich studiert habe, war das Fach der Chemie keine anerkannte Wissenschaft. Das war damals allenfalls etwas für Apotheker und Goldmacher, ein etwas anrüchiges Fach, das an den Universitäten nicht gelehrt wurde. Jetzt, am Ende meines Lebens, steht die Chemie auf gleicher Höhe wie die Mathematik oder die Physik. Dieser Verdienst gebührt mir nicht ganz allein, aber ich kann ohne Überhebung sagen, dass ich daran einen maßgeblichen Anteil habe.

Will jemand den Weg bis dahin verstehen, muss er wissen, welches die Kriterien in der alten Chemie waren. Geruch, Geschmack und Konsistenz, das waren die Eigenschaften, welche die Geheimnisse der Stoffe enthüllen sollten. Das war eine sinnenbehaftete Methodik, die in immer größere Verwirrung führte. Von Anfang an war es mein Bestreben die streng quantitativen Maßstäbe der Physik auch auf die Chemie anzuwenden. Die relativen Mengen und spezifischen Gewichte der Stoffe sollten Aufschluss über die Gesetzmäßigkeiten bei den chemischen Vorgängen geben.

Für Sie als Laie klingt das vielleicht ein bisschen zu theoretisch. Aber stellen Sie sich vor, dass die früheren Chemiker in einer Art Hexenküche am Werk waren, während heute hochpräzise Messinstrumente das Bild bestimmen. Die Erkenntnisse, die durch die neue Methodik gewonnen werden konnten, haben die Chemie revolutioniert.

Die alten Chemiker nahmen die vier Elemente des Aristoteles zur Grundlage: Wasser, Luft, Erde und Feuer. Damit war die große Zahl der Substanzen aber kaum zu erklären. Am Beispiel der Luft zeigt sich der Wandel in der Chemie im Besonderen. Luft galt als ein einfaches, passives Element, das bei den Reaktionen keine Rolle spielt. Dann hatten Cavendish, Hales und Black verschiedene Arten von Luft, mit jeweils unterschiedlichen Eigenschaften entdeckt. Der Begriff der Gase war geboren. Die Entdecker waren Mediziner, die sich der Bedeutung nicht bewusst waren, so dass in Ergebnis daraus keine neue Theorie entstand.

Unsere gute alte Luft ist also aus verschiedenen Bestandteilen zusammengesetzt. Ein Teil, den ich erst die ‚ausnehmend gut atembare Luft’ genannt habe, spielt eine fundamentale Rolle. Weil dieses Gas in allen Säuren vorkommt, habe ich es als das ‚oxygene Prinzip’ bezeichnet, die Nummer Eins bei der Atmung, Verbrennung und bei der Zusammensetzung vieler chemischer Verbindungen. Ein weiteres Element des alten Aristoteles, das ich in seine Bestandteile zerlegt habe, ist das Wasser.“

An dieser Stelle unterbrach der Marquis Lavoisiers Redefluss. „Das Wasser zerlegt? Für mich klingt das alles ganz unglaublich. Aber fahren Sie fort! Wie haben Sie das gemacht?“

„Das Experiment mit dem Wasser lässt sich am anschaulichsten schildern. Ich habe dazu einen Gewehrlauf mit zerhackten Eisennägeln gefüllt, das Ganze in ein Kohlebecken eingemauert, bis zur Rotglut erhitzt und Wasser hineingegossen. Das Wasser zerfällt dabei in zwei Teile: in ein Gas, der sogenannte Wasserstoff, und in den schon erwähnten Sauerstoff, der dabei eine Verbindung mit den Nägeln eingeht, die zu Rost zerfallen. Interessant ist eine Eigenschaft des Wasserstoffs. Weil er leichter als alle anderen Gase ist, hebt sich ein damit gefüllter Ballon vom Boden ab und schwebt frei in der Luft. So wurde ich zum Präsidenten einer Kommission für Luftfahrt.

Ein viel bedeutenderes öffentliches Amt, das ich innehatte, war die Leitung der staatlichen Pulververwaltung. Hier erbrachten meine Kenntnisse der Chemie einen direkten praktischen Nutzen. Die französische Pulverproduktion hat immer unter der schlechten Qualität des Salpeter gelitten, die dank meiner Arbeit verbessert werden konnte, so dass wir am Ende gar einen Überschuss an Schwarzpulver hatten. Ich will auch nicht verschweigen, dass ich am erzielten Gewinn beteiligt war. Aber dieses Geld floss, genauso, wie meine Einkünfte als Steuerpächter, sogleich wieder in meine Forschungsarbeit.

Ich war zwar Mitglied der Académie des Sciences, aber all die teuren Apparate musste ich aus eigenen Mitteln anschaffen. Und nun wirft man mir persönliche Bereicherung vor. Aber ich will nicht wieder davon anfangen, es lässt sich nicht ändern, selbst der Einfluss meiner Freunde von der Académie, konnte den Urteilsspruch nicht mehr abwenden.“

Eine Weile schwiegen die beiden Herren an ihrem Tisch, bis Lavoisier weitersprach: „Jedenfalls, um das Bild abzurunden, muss ich noch meine geliebte Frau Marie Anne erwähnen. Ohne sie hätte ich vieles nicht erreicht. Sie hat die naturgetreuen Zeichnungen der Instrumente erstellt, die in meinen Veröffentlichungen abgebildet sind. An den Sonntagen, die immer ganz der Chemie gewidmet waren, hat sie mir oft assistiert.“

Der Abend war lang geworden und der Gemeinschaftsraum hatte sich geleert. Bevor auch Lavoisier sich zurückzog, schrieb er in einem Brief: Ich habe ein genügend langes und vor allem glückliches Leben geführt, und ich glaube, das Andenken an mich wird von ein wenig Trauer und vielleicht auch ein wenig Ehre getragen sein. Was könnte ich mir mehr wünschen? Die Umstände, in die ich verwickelt bin, werden mir wahrscheinlich die Unannehmlichkeiten des Alters ersparen. Ich werde nicht als alter Mann sterben, und auch das zähle ich zu den Begünstigungen, die ich genießen durfte.

Am 8. Mai 1794 wurde Antoine Laurent Lavoisier zusammen mit achtundzwanzig weiteren ehemaligen Steuerpächtern auf der Place de la Révolution hingerichtet.