Mister Harrisons Zeitmaschinen

Wollte in der Geschichte der Seefahrt ein Kapitän auf offener See ermitteln, wie weit er gesegelt war, so genügte es die Höhe der Sonne zur Mittagszeit zu messen, um den genauen Breitengrad zu kennen, auf dem sich das Schiff befand.

Die Schwierigkeit war allein die Ermittlung des Längengrades. Um die Geschwindigkeit eines Segelschiffes zu messen, wurde ein Seil mit Knoten in gleichmäßigen Abständen über Bord geworfen. Am Ende des Seils befand sich ein Holzstück, das Logscheid. Ein Seemann zählte nun die Knoten, die in einer bestimmten Zeit durch seine Hand liefen.

Noch heute wird die Geschwindigkeit auf See in Knoten angegeben.


Roger Wills, Kapitän der ‚Orford’, schlug aufgebracht die Tür seiner Kajüte hinter sich zu. Das konnte doch einfach nicht wahr sein. Seit er auf den Schiffen Ihrer Majestät die Meere befuhr, war ihm etwas ähnliches noch nicht passiert. Nach stundenlangem Rechnen über das Kartenmaterial gebeugt, war er zu dem vagen Schluss gelangt, dass sie sich bei der Landecke ‚Start Point’ befinden. Und dann kommt dieser Dorftischler, schaut auf seinen Zeitapparat, legt einen Maßstab an die Karte und sagt, dass sich das Schiff auf der Länge von ‚Lizard Point’ befindet. Ein Handwerker, ein Mechaniker, bei seiner ersten Schiffsreise, sagt ihm, dem alten Seebären, dass er um sechzig Seemeilen falsch navigiert hat. Als dann die Umrisse von Englands Südküste auftauchten, war es doch tatsächlich, wie ihm zum Hohn, ‚Lizard Point’.

Kapitän Wills öffnete den Deckel der schützenden Truhe, die in seiner Kabine stand und besah sich das Wunderwerk. Das war sie also, die Zeitmaschine, die er in staatlichem Auftrag zusammen mit ihrem Erbauer von Lissabon nach London an Bord hatte. Zur Prüfung auf Seetauglichkeit, wie es von offizieller Seite hieß. Mehr als dreißig Kilogramm wog der ganze Apparat. Das Gehäuse, welches das geheimnisvolle Innere barg, hatte eine Kantenlänge von über einem Meter. Zu sehen waren nur die von Engeln und Ranken verzierten Ziffernblätter an der Vorderseite. Fast ehrfürchtig schloss Wills den Deckel des Behälters wieder. Hochachtung war der anfänglichen Gleichgültigkeit gewichen.

Wieder oben auf dem Deck des Schiffes sah Kapitän Wills Harrison da stehen, wo er immer stand, über die Reling gebeugt. So seetauglich die Uhr war, so seekrank war ihr Schöpfer. Wills schlich schuldbewusst heran und stellte sich neben seinen ungewöhnlichen Passagier.

Mister Harrison, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Ich habe Ihnen heimlich Unrecht getan. Mit ‚Lizard Point’ lagen Sie völlig richtig. Natürlich werde ich die Angelegenheit in meinem Bericht erwähnen. Das wirft zwar kein gutes Licht auf mich, dafür werden Sie mit Ihrer Uhr vor der Längengradkommission glänzend dastehen.“

Ich danke Ihnen für Ihre Ehrlichkeit, Kapitän Wills“, sagte der Uhrmacher in seiner bescheidenen Art.

Mister Harrison, ich bin überzeugt davon, dass Sie mit Ihrer Erfindung das ausgesetzte Preisgeld gewinnen werden. Wohl noch nie hat jemand die Position auf See so schnell und präzise berechnet, wie Sie mit Ihrer Zeitmaschine.“ Auf die Reling gelehnt, sah der Kapitän auf die See hinaus. „Das Problem mit dem Längengrad ist ja auch schier zum Haare ausraufen. Seit die Menschen die Meere befahren, wissen sie anhand der Höhe der Gestirne exakt auf welcher Breite sie sich befinden, und in Richtung des Sonnenlaufs ist es ein einziges Gerate. Wegen falscher Navigation in schlechtem Wetter verlor die Britische Marine 1707 vier Schiffe und zweitausend Seefahrer, und das dicht vor Englands Küste. Ein Land, welches das Problem der Bestimmung des Längengrades auf See gelöst hat, hätte anderen Nationen gegenüber einen ungeheuren Vorteil. Aber sagen Sie mir, Mister Harrison, wie haben Sie die Fähigkeit erworben, eine solch genaue Uhr zu bauen?“

Der Uhrmacher, auch mit dem Blick auf das offene Meer, dachte einen Moment nach. „Gelernt habe ich eigentlich das Tischlerhandwerk, aber meine Kenntnisse über Holz haben mir beim Bau der Uhren immer sehr geholfen. Meine erste Uhr war sogar völlig aus Holz. Die genauesten Uhren habe ich zusammen mit meinem Bruder gebaut. Sie hatten zwei Neuerungen: das temperaturunabhängige Rostpendel und die Grasshopper-Hemmung. Sie waren die genauesten Uhren, die es damals gab. Die Abweichung betrug nur eine Sekunde im Monat.“

Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche, Mr. Harrison, aber wenn ich zwei Uhren habe, wer sagt mir dann, welche die genauere ist?“

John Harrison lächelte aus seinem seekranken Gesicht. „Die kosmische Uhr des Herrn sagt Ihnen das. Wenn Sie einen Stern anvisieren, dann wird der gleiche Stern in der darauffolgenden Nacht exakt drei Minuten und sechsundfünfzig Sekunden früher in Ihrem Visier erscheinen. So konnten wir die Genauigkeit prüfen. Aber das waren seeuntüchtige Pendeluhren. Auf das Pendel verzichten zu müssen, ist das schwierigste Problem. An der Uhr, die wir jetzt an Bord mitführen, habe ich vier Jahre gearbeitet.“

Nach der Ankunft der ‚Orford’ Ende Juni 1737 stand John Harrison mit seiner Uhr wieder vor der Längengradkommission, der Handwerker vor den Herren Mathematikern und Astronomen von der Royal Society. Nach dem Bericht von Kapitän Wills mussten sie Harrisons Werk loben, obwohl ihnen die Sache nicht ganz geheuer war. Ein in ihren Augen astronomisches Problem mittels einer mechanischen Apparatur lösen zu wollen? Immerhin, das war das Beste, was der Kommission seit den mehr als zwanzig Jahren ihrer Gründung auf den Tisch gekommen war. Harrison hätte seinen Trumpf ausspielen und die offizielle Erprobung auf einer Fahrt zu den Westindischen Inseln erlangen können, aber der Mann war noch korrekter als seine eigenen Uhren. Er sprach der Kommission von Mängeln, die es noch abzustellen galt, Mängel, auf die außer ihm kein Mensch gestoßen wäre. Er erbat sich noch einmal zwei Jahre Zeit für eine zweite, verbesserte Uhr.

Als das neue Werk vollendet war, genügte das Ergebnis noch immer nicht den hohen Ansprüchen des Baumeisters. Völlig zurückgezogen arbeitete Harrison in seiner Werkstatt in London zwanzig Jahre an einer dritten Uhr.

Während all dieser Zeit arbeiteten die größten Mathematiker und Astronomen der Welt daran, das Problem der Längengradbestimmung auf See zu lösen. Der Mond sollte es richten. Man war der einhelligen Meinung, dass sich mittels einer genauen Bestimmung des Winkelabstandes des Mondes zu einem Fixstern die Zeit im Heimathafen berechnen ließe. Kurz genannt: die Berechnung der Monddistanz. Dazu war es notwendig einerseits die Position der Sterne des gesamten Himmels zu kennen, und zum anderen die Position des Mondes darin für jeden Zeitpunkt im Voraus zu berechnen.

Um die notwendigen Tabellen erstellen zu können, wurden die bedeutendsten Sternwarten der Zeit errichtet. Der ganze Aufwand schien der Dringlichkeit und Bedeutung des Problems angemessen, und die Kompliziertheit flößte einen geradezu philosophischen Respekt ein. Wie lächerlich war dagegen Harrisons tickende Maschine. Und die Zeit lief anscheinend gegen den Uhrmacher. Die Mondtabellen wurden immer präziser, und zur Ablesung der Winkel wurde der Sextant entwickelt. Tatsächlich konnte ein Kapitän so ausgerüstet nach ein paar Stunden Arbeit die Position seines Schiffes schon recht genau bestimmen. Wenn der Himmel gerade nicht bedeckt war, und wenn der Mond weit genug von der Sonne entfernt war. Wenns, gegen die jeder Mathematiker machtlos war.

1762 erprobte Harrisons Sohn William die nunmehr vierte Uhr seines Vaters erfolgreich auf See. Zeitgleich war der Astronom Maskelyne mit seinen Mondtabellen nach St. Helena gesegelt. Ein wahrer Wettlauf hatte eingesetzt. Doch der angesehene Maskelyne hatte gegenüber dem Uhrmacher den längeren Arm. Harrison wurden Steine in den Weg gelegt. Er musste die Konstruktionen offen legen. Immer wieder wurden neue Prüfungen verlangt. Kopien mussten angefertigt werden. Dann wurden sämtliche Uhren unsanft auf rumpelnden Pferdefuhrwerken nach Greenwich gefahren, wo sie Maskelyne, nunmehr Königlicher Astronom, regelrecht konfiszierte.

Doch das half alles nichts mehr. Als Kapitän Cook auf seiner zweiten Fahrt einen genauen Nachbau der vierten Uhr von einem anderen Uhrmacher an Bord hatte, war er voller Lob. Andere Kapitäne wollten nun auch solche Schiffschronometer. Ein wahrer Industriezweig entstand, zu dem John Harrison mit seinen genialen Erfindungen den Grundstein gelegt hatte. Das restliche ihm zustehende Preisgeld von der Längengradkommission erhielt der Uhrmacher als alter Mann von achtzig Jahren, als König Georg III in der Angelegenheit endlich ein Machtwort gesprochen hatte.