Humboldts große Reise

Auf wohl keinen anderen Wissenschaftler trifft das Wort vom unermüdlichen Forscherdrang mehr zu, als auf Alexander von Humboldt.

Oft zum Leidwesen seiner Reisegefährten hatte er ständig etwas zu messen, zu prüfen oder zu sezieren. In der Natur gab es für ihn nichts, was für ihn nicht von Interesse war. Die Luftfeuchtigkeit, Luftdruck – Temperatur und Sauerstoffgehalt, der Erdmagnetismus und die Höhe jedes noch so unbedeutenden Hügels, der auf dem Wege lag, musste gemessen werden.

Seine Ruhelosigkeit konnte Humboldt auch nach seiner Forschungsreise nicht ablegen. In einem ununterbrochenen Redeschwall unterhielt er jede Gesellschaft.

 

Coruña, 4. Juni 1799

Die Sonne stand heiß über dem spanischen Festland. Eine Schar Möwen flog kreischend um den einsamen Spaziergänger am Strand abseits des Hafens. Alexander von Humboldt beschattete mit einer Handfläche die Augen und sah hinaus auf das Meer. Deutlich konnte er die Segel der drei englischen Fregatten ausmachen.

Wie gern hätte er, anstatt hier am Meer auf - und abzulaufen, weiter die Gegend erkundet, botanisiert, Gesteine gesammelt, Messungen durchgeführt. Aber er durfte sich jetzt nicht mehr weit entfernen. Jeder Tag konnte die Wende bringen. Die gesamte Ausrüstung und alle Instrumente lagen wohlverstaut auf der ‚Pizarro’. Jetzt hieß es nur noch, unbemerkt an der englischen Blockade vorbeizukommen.

Alle Bemühungen eine Forschungsreise zu unternehmen, waren bisher gescheitert. Andauernde kriegerische Auseinandersetzungen der Großmächte Europas, hatten seine Pläne immer wieder vereitelt. Vor zwei Jahren hatte er in Italien den Vulkanismus studieren wollen. Doch die Verhältnisse nach dem brüchigen Frieden Napoleons mit Österreich waren zu unsicher. Gerade als er Anstalten für eine Reise an den Nil traf, landete General Bonaparte in Ägypten. Aus den Verteidigungskriegen der Französischen Revolution, deren Ideale er dennoch immer vertreten würde, waren Angriffs – und Beutekriege geworden. So saß er hier in Europa wie in einer Falle.

Er war jetzt dreißig Jahre alt, und persönliche Gründe gab es nun keine mehr, die ihn an der großen westindischen Reise gehindert hätten. Seit dem Tod der Mutter musste er auf die ihm zugedachte Laufbahn keine Rücksicht mehr nehmen.

Zusammen mit dem zwei Jahre älteren Bruder Wilhelm war er dazu erzogen und gebildet worden, einmal eine einflussreiche Stellung im preußischen Staatsdienst zu bekleiden. Wilhelm ging diesen Weg mit großem Erfolg. Alexanders Fähigkeiten lagen auf einem anderen Gebiet. Schon die Lehrer und Erzieher hatte er, der Jüngere, zur Verzweiflung gebracht. Statt für Philosophie und alte Sprachen hatte er sich für die Natur interessiert. Cooks Entdeckungsreisen hatten seine Fantasie beflügelt. Aus den engen Berliner Verhältnissen drängte es ihn in die Ferne.

Für die bevorstehende Reise hatte er in Paris den dazu nötigen Gefährten kennengelernt. Aime Bonplant hatte keine Lust die Arztpraxis seines Vaters zu übernehmen. Für eine Forschungsreise fehlte ihm das Geld. So hatte er Bonplant als seinen Gefährten mitfinanziert.

Hier im Spanien der Inquisition wurden die beiden Naturforscher misstrauisch beäugt. Nur der Tatsache, dass er ein ‚von Humboldt ‚ war, ein preußischer Baron, war es zu verdanken, dass die Behörden in Madrid die Sonderpässe mit unbeschränkten Vollmachten für den Aufenthalt in den spanischen Kolonien ausstellten. Alles war geregelt, und es hieß nun : abwarten.

Am nächsten Tag kam Wind auf, Wind aus einer günstigen Richtung. Und was noch wichtiger war: Über der Hafeneinfahrt lag dichter Nebel. Kurzentschlossen, noch bevor die höher steigende Sonne den Nebel aufgelöst hatte, wurde das Wagnis begonnen. Keiner der Mitreisenden gab einen Laut von sich, und so segelte die ‚Pizarro’ unbemerkt an den englischen Schiffen vorüber. Als die Sicht besser wurde, befand sich das Schiff bereits auf dem offenen Meer.

Bevor sie Amerika erreichten, brach an Bord eine Seuche aus. Sie mussten Cumanà, im heutigen Venezuela anlaufen. Von allem Anfang an wurde aus der Reise mehr als geplant. Die Welt in der sie gelandet waren bot so viel Neues, dass sie sich gleich vier Monate in der Gegend aufhielten. Bonplant fürchtete um den Verstand zu kommen, wenn „die Wunder“ nicht bald aufhörten. Und die Wunder hörten nicht auf, so groß war die Fülle neuer Pflanzen und Tiere. Humboldt vermaß die geographischen Orte für eine Karte vom Inneren des Landes. Die ersten Aufzeichnungen, Messergebnisse und eine große Zahl unbekannter Pflanzen wurden nach Europa geschickt.

Erst Ende November segelten die Forscher nach Caracas, dem ursprünglichen Ziel der Überfahrt. Von hier fuhren Humboldt und Bonplant begleitet von indianischen Ruderern in einem Boot nach Süden zum Orinoco. Die Vegetation an den Ufern wurde immer undurchdringlicher. Später berichtete Humboldt: „Ich konnte kaum ein Zehntel von all dem sammeln, was wir sahen. Ich bin überzeugt, wir kennen keine drei Fünftel der Pflanzen, die es gibt.“ Um die „neue Welt“ umfassend zu beschreiben, betätigte er sich zudem als Geograph, Geologe und Völkerkundler.

Von ihren indianischen Helfern wurden die Forscher mehrmals aus lebensbedrohlichen Situationen gerettet. Sie waren in Gebiete vorgedrungen, die bisher nie ein Europäer betreten hatte. Mit ihrem Boot erreichten sie den Rio Negro, und erbrachten so den Nachweis einer Verbindung zwischen dem Orinoco und dem Amazonasgebiet. Von hier umzukehren, war unbewusst die richtige Entscheidung, denn im portugiesischen Machtbereich am Amazonas war gegen die Eindringlinge mit den gefährlichen politischen Ansichten bereits der Haftbefehl erlassen.

Von Caracas segelten die Forscher nach Kuba. Humboldt beschäftigte sich immer mehr mit dem Leben der Völker, den Beziehungen zwischen Natur und Gesellschaft und betrat damit wissenschaftliches Neuland.

Wieder auf das südamerikanische Festland zurückgekehrt, begann im April 1801 eine anderthalbjährige Reise durch den Kontinent bis Lima. In den Kordilleren führte Humboldt Höhenmessungen durch, studierte den Vulkanismus und die Geschichte der präkolumbianischen Kulturen. Gesundheitlich stand das einst kränkliche Kind die Strapazen erstaunlich gut durch. Nach Hause schrieb er: „Meine Gesundheit und Fröhlichkeit hat, trotz des ewigen Wechsels von Nässe, Hitze und Gebirgskälte, seitdem ich Spanien verließ, sichtbar zugenommen. Die Tropenwelt ist mein Element, und ich bin nie so ununterbrochen gesund gewesen als in den letzten zwei Jahren.“

Ende des Jahres 1802 segelten die Reisenden von Lima bis Mexiko und wanderten von der Küste bis zur Hauptstadt. Humboldt ermittelte die Einwohnerzahl Mexikos, die Gliederung der Bevölkerung, berechnete den Flächeninhalt des Landes, erstellte die erste geographische Karte, beschäftigte sich mit Ackerbau, Bergbau, dem Fabrik- und Verkehrswesen und dem Staatseinkommen. Er nahm eine „physische Landbeschreibung“ vor, wie sie ihm für eine Weltbeschreibung vorschwebte und eröffnete damit eine neue Epoche der Geographie und Staatskunde.

Die große Reise Alexander von Humboldts endete im August 1804. Der Empfang in Paris war triumphal, zumal der berühmte Reisende mehrmals totgesagt worden war. Humboldt wurde als der „wissenschaftliche Entdecker Amerikas“ gefeiert. Das mitgebrachte Material war in fünfunddreißig Kisten verstaut. Tagebücher, Aufzeichnungen, Statistiken, Berechnungen, Vermessungsergebnisse, Herbarien, Mineralien und Versteinerungen. Die Aufarbeitung des Materials und die Beschreibung der Reise beschäftigte Humboldt Jahrzehnte. Das vollständige Gesamtwerk in dreißig Bänden war erst 1829 vollendet.

Die Finanzierung der Reise selbst und die Kosten des voluminösen Werkes hatten Humboldts beträchtliches Privatvermögen aufgebraucht. So war er gezwungen sein Leben an der Seite der Preußenkönige, die sich gern mit dem berühmten Mann zeigten, zu verbringen.

Humboldt gebührt das Verdienst, Wissenschaft populär gemacht zu haben. Wenn er seine „Kosmos“- Vorlesungen hielt, fasste der Hörsaal der Berliner Universität oft die Menge nicht. Einfache Handwerker, Bürger, Offiziere, Adel; alles drängte zu diesem Ereignis.

Wenige Monate nach Humboldts Tod im Jahre 1859 erschien Darwins berühmtes Werk über die Entstehung der Arten. Humboldt war es nicht möglich, eine solche Theorie auf einem speziellen Gebiet zu erarbeiten. Er war Universalgelehrter und hatte den Weg zu Darwin hin bereitet.

Heute sind wir dabei, die so lange getrennten Wissenschaften, wieder zusammen zu führen, und das alles einigende Element für die unterschiedlichen Bereiche der Natur zu finden. Eine Harmonie des Kosmos, wie sie Alexander von Humboldt vorgeschwebt hat.