Euler und der König

Aus einer Vereinigung von Gelehrten gingen um die Mitte des 17. Jahrhunderts die Royal Society in London und die Pariser Academie francaise hervor. Die Mitglieder der beiden ersten wissenschaftlichen Akademien kamen zum größten Teil aus den jeweiligen Ländern selbst, wie Isaac Newton, der 1703 der Royal Society beitrat.

Um 1700 wurden zwei neue Akademien gegründet. Die eine in der jungen, grade erst erbauten Stadt St. Petersburg und die andere im preußischen Berlin. Mit attraktiven Angeboten versuchten die neuen Akademien die besten Wissenschaftler aus ganz Europa an sich zu binden.

Dass unter den Mitgliedern der Königlichen Akademie Preußens auffallend viele Franzosen waren, entsprach der persönlichen Neigung Friedrich des Großen, der der im Versailler Hof sein Vorbild sah. Der musikliebende und philosophierende König brauchte fähige Naturwissenschaftler, konnte seine Abneigung aber nicht überwinden, wenn einer kein Franzose war und dann auch noch aus bürgerlichen Kreisen kam.

 

 

Die Morgensonne schien flach über den Gärten von Sanssouci und warf lange, noch kühle Schatten. Trotz der frühen Stunde arbeiteten hier und da schon Gärtner an der Pflege der Anlagen.

Leonhard Euler stand an den neuerrichteten Wasserspielen des Parks und sah, die Hände auf dem Rücken, auf die zierlichen Nymphen und Fontänen. Die Berechnung dieser Anlage hatte ihn nicht zu viel Zeit gekostet. Eine Pflichtaufgabe für die Akademie und den König. Wie bei all diesen Dämmen, Brücken und Maschinen, oder dem Finowkanal mit den zahlreichen Schleusen, hatte er auch bei dieser Brunnenanlage konzentriert gearbeitet. So blieb ihm immer noch genügend Zeit für seine eigentliche mathematische Forschung.

Er sah sich kurz in die Richtung um, aus der der König kommen musste. Es kam nicht oft vor, dass Friedrich ihn sehen wollte. Wohl auch deswegen, weil er, Euler, sich nie auf den Festen des Hofes sehen ließ. Er mochte diese Galanterie nicht, und diese inhaltslose Salonkonversation. Dazu hatte der König seine Franzosen. Er war Mathematiker und kein Literat.

Es war dennoch richtig gewesen, der Berufung nach Berlin zu folgen. Die politische Situation in Russland war gar zu misslich geworden, und auch Katharina, seine Frau, hatte wegen der ständigen Gefahr von Feuersbrünsten in Petersburg darauf gedrängt, die Vocation nach Berlin anzunehmen. Wenn auch der Anfang hier nicht ganz leicht war. Bei seiner Ankunft war der König im Feldlager, und der nicht enden wollende Krieg hatte die Gründung der Akademie verzögert. Aber nun, nach Jahren, konnte er hier gut arbeiten. Vor allem Ruhe brauchte er, für seine Wissenschaft. Und das Salär musste stimmen. Für seine nun schon sechsköpfige Familie und Freunde, die seine Gastfreundschaft genossen, musste er ein großes Haus unterhalten.

Wenn er daran dachte, wie er einmal angefangen hatte, vor dreißig Jahren, die lange Reise von der Heimatstadt Basel nach Petersburg. Zu Fuß war er die letzte Strecke noch gegangen. Er, ein noch blutjunger Bursche von gerade mal zwanzig Jahren. Von Anfang an hatte er Petersburg in sein Herz geschlossen. Alles war neu gebaut, die Akademie mit den stattlichen Gebäuden an der Newa gerade erst gegründet. Und er war von Anbeginn mit dabei gewesen.

Damals war er noch auf die Empfehlung der Bernoullibrüder angewiesen. Natürlich geschah alles auf Veranlassung von deren Vater Johann. Der alte Löwe in Basel war sein Lehrmeister und Entdecker und hatte schon ganz früh an sein Talent geglaubt. So konnte er bald dessen Söhnen nach Petersburg folgen.

Als Eleve hatte er begonnen, mit bescheidenen zweihundert Rubeln. Seine Arbeiten und Leistungen in der mathematischen Wissenschaft hatten ihm schnell einen Namen gemacht. Nach wenigen Jahren schon übernahm er die damals vakante Professur für Mathematik. Er hatte auch nicht lange gebraucht, um der russischen Sprache mächtig zu sein. Gott hatte ihm ein gutes Gedächtnis und die Fähigkeit zu hoher Konzentration gegeben. Wenn bei allem nur die Gesundheit standhielt. Seit er wegen der Infektion sein rechtes Auge eingebüßt hatte, vielleicht infolge des häufigen Studiums der geographischen Karten, war er etwas vorsichtiger geworden.

Er sah wieder zum Schloss hinüber. Vom langen Warten fröstelte ihn schon, aber es konnte nun nicht mehr lange dauern, bis der König kam.

Um Punkt sieben Uhr öffneten zwei Kammerhusaren die große Glastür. Auf die Terrassenfront des Schlösschens Sanssouci trat Friedrich II, der Große, der König von Preußen. Die Morgensonne beschien ein mürrisches Gesicht, das unter dem Dreispitz auf dem königlichen Haupt hervorlugte. Er hatte wieder nicht gut geschlafen. Als ihm der Kabinettssekretär dann noch mitteilte, dass für heute dieser Mathematikus, dieser Euler, bestellt war, war es mit seiner Laune vollends vorbei. Er mochte den Kerl nicht. Bürgerliches Subjekt. Hatte sich durch Fleiß dieses logische Denken erworben und sich unentbehrlich gemacht. Manchmal musste man mit solchen Kerls ein konziliantes Wort wechseln, sowie ein Junker einen guten Jagdhund lobt. So unklug, wie der Vater damals durfte er, Friedrich, nicht sein. Von dem Leibniz hatte der Vater gesagt: Der Kerl ist zu nichts brauchbar, nicht einmal zum Schildwache stehen. Alle Höfe Europas hatten eine wissenschaftliche Sozietät, und wenn er mit seiner preußischen Akademie gleichziehen wollte, brauchte er die besten Leute. Was die mathematischen Künste anbelangte, gab es aus aller Munde nur einen Namen: Leonhard Euler. Er war froh, dass er den Russen den Mann hatte abgewinnen können. So hochgelobt war dieser Euler, dass er sich eines seiner Werke hatte vorlegen lassen. Nie würde er sich mit solchen Sachen anfreunden können. Ganz übel war ihm geworden beim Anblick der Formeln und Kurven, und er hatte die Scharteke angewidert von sich geschoben.

Angetan mit den großen Reitstiefeln, ging der König martialischen Schrittes die Stufen hinunter. Auf den frisch geharkten Wegen, durch sein klein Versailles, atmete er die frische Morgenluft. Als er die neuen Wasserspiele erreichte und Leonhard Eulers ansichtig wurde, durchzuckte es ihn unangenehm. Wie der Kerl ihn ansah, ohne jede Devotion, verschlagen, aus dem einen gesunden Auge. Und überhaupt, die ganze Erscheinung, wie er gekleidet war. Das hatte alles keine Spur von Poesie, kein Adel von Geburt. War eben ein Mathematikus und kein Philosoph für eine angenehme Plauderei.

Leonhard Euler ging dem König entgegen und verneigte sich knapp.

Na, mein lieber Euler, studiert er sein Werk? Gute Arbeit, ich muss ihn loben.“ Einen Moment sah der König auf die Wasserspiele und verfolgte mit den Augen den Weg der Fontainen. Dann senkte er den Blick, wandte sich von dem Brunnen ab und ging langsam weiter. Euler folgte, ein Weniges nach hinten versetzt, dem kleinen König. Dieser sprach im Gehen weiter, ohne seinen Begleiter anzusehen.

Ich benötige seinen Rat in einem Sujet meine Artillerieoffiziers betreffend. Flugbahn eines Geschosses, ballistische Kurve, er weiß schon.“

Euler bedachte sich einen Augenblick. „Da kann ich Ihro Majestät insonderheit das Werk eines Engländers empfehlen, eines gewissen Benjamin Robins ...“

Einer der Gärtner hielt kurz in seiner Arbeit inne und sah dem ungleichen Paar nach, wie sie sich im Gespräch entfernten, der Mathematiker und der König.

Auf Dauer vermochte Friedrich II Leonhard Euler, die unumstrittene Nummer Eins der Mathematiker seiner Zeit, nicht an seiner Akademie zu halten. Der König konnte seine Abneigung gegen die Person Euler, die in seinem Unverständnis allem Mathematischem gegenüber begründet ist, nicht überwinden. Die vielgerühmte Toleranz des Herrschers fand hier enge Grenzen. So verweigerte er Euler beispielsweise die Präsidentschaft der Akademie, obwohl er von allen Seiten dazu gedrängt wurde.

Im Jahre 1766, nach einem Aufenthalt von fünfundzwanzig Jahren, verließ Leonhard Euler mit seiner nun zahlreichen Familie Berlin und ging zurück nach Petersburg, wo er seine wissenschaftliche Laufbahn einst begonnen hatte.

Wie immer auch die äußeren Umstände beschaffen waren, unter denen er arbeiten musste, seine Produktivität blieb Zeit seines Lebens unerschöpflich. Selbst als er durch eine Staroperation auch noch sein linkes Auge einbüßte, mit einem letzten Rest von Sehkraft, arbeitete er unermüdlich an seinem epochalen Werk weiter. Als Leonhard Euler 1783 in Petersburg verstarb, war der Umfang seines wissenschaftlichen Nachlasses so gewaltig, dass es kaum glaubhaft scheint, ein Menschenleben habe dazu ausgereicht.

Kein Geringerer als der Mathematiker Gauß, lobte seinen berühmten Vorgänger mit den Worten: Das Studium der Werke Eulers bleibt die beste Schule in den verschiedenen Gebieten der Mathematik und kann durch nichts anderes ersetzt werden.