Darvin - Der Weltumsegler

Unser modernes kosmisches Weltbild, zu dem Kopernikus vor fünfhundert Jahren die Grundlagen schuf, hat sich nach anfänglichen Hindernissen allgemein durchgesetzt und wird heute nicht mehr in Frage gestellt.

Dagegen werden wohl die Gegner von Darwins Theorie über die Entstehung der Arten nie ganz aussterben. Dass die Erde auf einer Bahn die Sonne umkreist, lässt sich eben leichter beweisen, als Vorgänge, die eine Entwicklung des Lebens ermöglichen.

Die Zahl derer, die an den Wortlaut der Bibel glauben und der festen Überzeugung sind, dass die Erde nicht älter als zehntausend Jahre alt ist, nimmt gegenwärtig eher noch zu. Die Konsequenz einer solchen Annahme wäre es, die Geologie, Astronomie, Physik und somit die gesamte Wissenschaft in Zweifel zu ziehen.


Im Hafen von Davenport hatten wochenlang die Äxte und Hämmer der Schiffszimmerleute geklungen, bis aus der alten Brigg doch noch ein seetaugliches Schiff geworden war. Der junge Kapitän Fitz Roy gab nicht eher Ruhe, bis auf der „Beagle“ alles nach seinen Vorstellungen ausgebessert und umgebaut war. Sieben Kanonen, wegen der Kompasse alle aus Messing, Blitzableiter neuester Bauart und vierundzwanzig Schiffschronometer sind an Bord.

Der Befehl der britischen Admiralität lautet: Kartographierung der Küsten Patagoniens und Feuerlands, chronometrische Messbestimmungen rund um die Erde. Das Empire braucht als stärkste Seemacht der Welt genaueste Karten.

Als Naturalisten hat die „Beagle“ den erst zweiundzwanzigjährigen Charles Darwin an Bord. Seine Ernennung war wohl eher eine Notlösung gewesen, weil andere Kandidaten abgesagt hatten, die jahrelange beschwerliche Reise auf sich zu nehmen. Für Darwin war das Naturalisieren bisher eher ein Hobby. Während seines Medizinstudiums fiel der Student als eifriger Besucher des Naturkundemuseums und Sammler von Käfern und Meerestieren auf. Das Studium muss er abbrechen, weil er die Schmerzen der Patienten, die ohne Narkose operiert werden, nicht ertragen kann.

Damit wenigstens überhaupt irgendetwas aus ihm wird, beginnt er ein dreijähriges Theologiestudium. Insekten sammeln und Vögel ausstopfen ist kein Beruf, der etwas einbringt. Nach dem bestandenen Examen vergeht die Zeit im Müßiggang, ohne dass Charles genau weiß, was er mit sich anfangen soll. Da erhält er im Sommer 1831 einen Brief, der ungeahnte Folgen für sein Leben haben wird. Professor Henslow, ein bekannter Botaniker, unter dessen Anleitungen Charles in der Cambridger Studienzeit Naturalisiert hat, schreibt ihm, dass auf einem Expeditionsschiff noch ein Naturforscher gesucht wird und er Charles vorgeschlagen hat.

Kapitän Fitz Roy ist mit der Ernennung Darwins einverstanden. Doch der Konflikt zwischen ihnen ist vorprogrammiert. Zu buchstabengetreu ist die Auffassung des Kapitäns von der Bibel. Eine Aufgabe Darwins sieht er darin, das Wirken der Sintflut anhand der geologischen Bildung Südamerikas nachzuweisen.

 

Als die „Beagle“ Ende Dezember 1831 endlich in See sticht, kann niemand ahnen, dass eine der berühmtesten Seereisen der Menschheit beginnt. Die Ideen Charles Darwins, der als ‚unfertiger Naturalist’ mit an Bord genommen wird, werden einmal das Denken der Menschen revolutionieren. Aber noch nicht während der Reise entwickelt Darwin seine Theorie. Zunächst sammelt er während monatelanger Landaufenthalte in Südamerika Pflanzen und Tiere. Er seziert, klassifiziert, beschreibt und zeichnet anatomische Querschnitte seiner Beute.

An der Küste Argentiniens gräbt Darwin die fossilen Überreste ausgestorbener Tiere aus: Teile eines gigantischen Urnashorns, Knochen des Riesenfaultiers Megatherium, ein urzeitliches Gürteltier. Kapitän Fitz Roy erklärt ihr Aussterben damit, dass solche riesigen Tiere nicht durch die Tür von Noas Arche gepasst hätten. In Darwin dagegen keimen Zweifel am Wahrheitsgehalt des Alten Testaments. Des Kapitäns naiv-orthodoxe Ansichten waren für Darwin ein ständiger Anreiz, nach anderen Lösungen zu suchen. Alle Präparate und Fossilien werden nach England geschickt, wo die Fachwelt voll des Lobes für den Naturforscher fern der Heimat ist.

An der Westküste Südamerikas betreibt Darwin hauptsächlich geologische Studien. In Chile wird er Zeuge der gleichzeitigen Aktivität dreier weit voneinander entfernter Vulkane. Kurz nach dem Aussetzen der vulkanischen Tätigkeit gibt es ein starkes Erdbeben. Darwin schreibt: Die merkwürdigste Wirkung dieses Erdbebens war die bleibende Erhebung des Landes. Nach dem Beben ragen ehemalige Untiefen nun aus dem Wasser. Auf einer Hochgebirgstour findet Darwin fossile Muscheln. Welche Zeiträume sind notwendig, um den Meeresboden in solche Höhen zu heben?

Als Darwin die Natur der Galapagosinseln studiert, verstärken sich seine Zweifel an der Unveränderlichkeit der Arten. Warum sollte Gott auf die von den natürlichen Bedingungen her identischen Inseln unterschiedliche, doch einander ähnliche Arten gesetzt haben? Noch sind die Fragen an den Schöpfer gerichtet. Vier Jahre ist die Beagle schon unterwegs, da lässt der Kapitän Australien und Neuseeland ansteuern. Darwin schreibt nach Hause: Nie war ein Schiff so voll heimwehkranker Helden wie die Beagle. Im Herbst 1836 endet die Expedition.

Wieder zu Hause in England ist Darwin bemüht Helfer für die Auswertung seiner Sammlung zu finden. Doch die dafür in Frage kommenden Wissenschaftler schrecken vor der Unmenge an Mineralien, Gesteinen, getrockneten Pflanzen und Tierpräparaten zurück.

Um nicht seinen Ruf als seriöser Wissenschaftler zu verlieren, ist Darwin bei seinen Vorträgen gezwungen, bei der alten Schöpfungstheorie zu bleiben. So habe Gott auf jeder der Galapagosinseln eine eigene Tierwelt geschaffen. Für sich selbst ist er mit solchen Erklärungen nicht zufrieden, obwohl er seine spätere Theorie zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ansatzweise entwickelt hat. Seine Zweifel an der Unveränderlichkeit der Arten kann er niemandem anvertrauen. Bei nächtlichem Kerzenschein trägt er seine Vermutungen und Ideen in ein Notizbuch ein, monatelang, jahrelang. Verändert nicht der Tierzüchter die Arten? Kann es nicht auch in der Natur eine solche Auswahl geben, eine natürliche Zuchtwahl? Warum sollte der Schöpfer den Wesen Organe gegeben haben, die keine Funktion erfüllen? Rudimentäre Organe wird er sie später nennen. Ist nicht in der Entwicklung des Embryos der Weg, den die Art einmal gegangen ist, aufgezeichnet?

Auf sich allein gestellt, formuliert er selbst die Argumente seiner Gegner und führt gedankliche Streitgespräche. Seine Notizen auf losen Blättern versteckt er in einem Verschlag unter der Treppe seines Hauses.

Vor den Konsequenzen seiner Theorie schreckt Darwin anfangs noch zurück. Gott ist jetzt nur noch einmal nötig, bei der Erschaffung des Lebens um den Prozess in Gang zu setzen. Wie jedem Menschen fällt es ihm schwer, sich von den religiösen Anschauungen, die ihm anerzogen worden waren, zu lösen. Die Erkenntnisse der Geologie halfen ihm, den Glauben an das Alte Testament zu überwinden. Sich vom Neuen Testament und damit vom Glauben überhaupt zu lösen, fällt ihm unendlich schwer. Am Ende eines langen Erkenntnisprozesses steht das berühmte Werk von der „Entstehung der Arten.“ Den Menschen bezieht er in diesen Prozess mit ein. Der Mensch in seiner Arroganz hält sich für ein großes Werk, würdig des Eingriffs einer Gottheit. Bescheidener – und wie ich glaube – wahrer ist es anzunehmen, dass er von Tieren abstammt. Darwin ahnt, welcher Sturm der Entrüstung ihm entgegenwehen wird. So zögert er die Veröffentlichung immer wieder hinaus, bis sich schon ernsthafte Konkurrenten in Bezug auf seine Theorie melden. Beim Erscheinen des Buches 1859 stößt es fast auf einhellige Ablehnung. Aber gerade die Sensation, der Eklat, sorgen dafür, dass Auflage um Auflage des „Gorillabuches“ vergriffen ist. Darwins „Origin of Species“ ist eines der wenigen wissenschaftlichen Werke, das noch heute seine Leser hat. Die Ablehnung, ja Verachtung der Darwinschen Entwicklungstheorie aus Kreisen der Religion hält bis heute an.

Für Darwin war es ein jahrelanges Ringen zwischen seinem Glauben und den Konsequenzen, die sich aus seiner Theorie ergaben. Als er zu der Überzeugung gelangt war, dass die Spezies nicht unveränderlich sind, schrieb er: Mir ist, als gestände ich einen Mord ein.

Aus dem Naturalisten auf dem Expeditionsschiff Beagle wurde ein „Abenteurer und Weltumsegler jener inneren Welt, die „Mensch“ heißt. (Nitzsche)