Der Zug nach Twer

Was die Welt im Innersten zusammenhält.“, lässt Goethe Dr. Faust fragen, der für eine Antwort bereit ist sich auf Magie und Geister einzulassen.

Schon 400 v.Ch. waren griechische Philosophen um eine Lösung der Frage bemüht. Der bekannteste unter ihnen ist Demokrit von Abdera, der zu dem Schluss kam, die Materie müsse aus kleinsten Teilchen bestehen, den Atomos. Demokrit gab den Atomen verschiedene Formen, um damit die unterschiedlichen Eigenschaften z.B. von den bekannten Metallen, erklären zu können. Haken und Ösen an den Atomen gaben unterschiedlichen Materialien die Möglichkeit Bindungen einzugehen.

Erst in der Neuzeit wurde die Idee von den kleinsten Teilchen auf einer neuen Grundlage wieder aufgenommen. Was aus der Antike blieb war nur der Name, das Atom.


St. Petersburg, 17. Februar 1869

Sergej, der Diener, war verzweifelt. Da kam er heute Morgen in die Stube, um den Ofen anzuheizen und glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Der Professor saß immer noch an seinem Schreibtisch und grübelte. So wie er ihn gestern Abend das letzte Mal gesehen hatte, fand er ihn nun wieder vor. Als ob dazwischen einfach nichts gewesen wäre. Und das die zweite Nacht schon. So etwas konnte doch ein Mensch gar nicht aushalten. Er aß kaum, schlief immer nur kurz am Tisch und strich sich, wenn er nachdachte, mit den Fingern durch den langen, zerzausten Bart.

Professor Mendelejew nahm kaum wahr, wie sein Diener am Ofen mit den Holzscheiten hantierte. Er fühlte, dass er der Lösung des Problems nahe war. Dreiundsechzig Elemente waren entdeckt worden. Dreiundsechzig Elemente, die bislang ohne jede Ordnung nebeneinander existierten. Und doch musste es da einen inneren Zusammenhang geben.

Mendelejew war in seiner Wissenschaft nichts verhasster, als Planlosigkeit. Die chemischen Reaktionen konnten doch nicht auf Zufall basieren. Wenn die Elemente Verbindungen eingingen, geschah das gesetzmäßig. Wie sonst konnte bei immer gleichen Bedingungen immer das gleiche Ergebnis erzielt werden? Der Schlüssel zu allem musste in den Elementen selbst gesucht werden.

Das Durcheinander auf dem Schreibtisch ließ nicht vermuten, dass es dem Professor so sehr um Ordnung zu tun war. Die Arbeitsfläche war übersäht mit vollgekritzelten Papieren. Nur die dicken Bücher in seinem Rücken standen gutsortiert im Regal. Von der Wand schauten aus ihren Bilderrahmen Galilei, Newton und Descartes auf das Treiben in der Studierstube herab.


Als Sergej wieder herein kam und seinen Herrn ansprach, sah Mendelejew den Diener zornig an.

Der Kutscher wartet draußen“, sagte Sergej. „Wenn wir den Zug nach Twer erreichen wollen, müssen wir los!“

Der Professor sprang vom Schreibtisch hoch, dass der Stuhl nach hinten umkippte. „Ich weiß, ich weiß“, rief er mit sich überschlagender Stimme. „Verflucht sei dieser Zug.“ Wild sprang der kleine Mann in der Stube umher, dass die graue Haarmähne auf und nieder wippte. „Ich kann doch jetzt nicht aufhören und nach Twer fahren. Ich bin jetzt so kurz vor der Lösung.“ Er hob den Stuhl auf und setzte sich erschöpft wieder hin. „Sag dem Kutscher, er soll später wieder kommen! Ich nehme den Nachmittagszug.“

Mendelejew sollte in der Provinz Twer einen Vortrag zu Fragen der Herstellung von Käse halten und danach einige Bauernhöfe besichtigen. Mochte die Delegation der Produzenten ruhig noch etwas warten, dachte er. Den letzten Zug musste er aber unbedingt nehmen. Jetzt hatte er noch ein paar Stunden gewonnen.

So wie bisher weiter zu grübeln, hatte keinen Sinn mehr. Die Zeit drängte. Er änderte die Taktik, zog aus einer Schublade leere Pappkarten und zählte dreiundsechzig auf den Tisch. Auf jede schrieb er ein Element mit Atomgewicht und Eigenschaften. Den Wust von Papieren schob er mit einer Armbewegung beiseite und breitete die Karten aus.

An der Spitze musste Wasserstoff stehen, das leichteste Element. Natürlich wusste kein Mensch, wie schwer ein Atom war, aber alle weiteren Elemente wurden im Verhältnis zum Wasserstoff berechnet. Er legte die Karten nach steigendem Gewicht. In der Reihe tauchten immer wieder Elemente mit gleichen oder ähnlichen Eigenschaften auf, die er wieder in Gruppen zusammenfassen konnte. Nach Stunden war Mendelejew dann doch noch überreizt am Tisch eingeschlafen.

Als der Kutscher zum zweiten Mal an diesem Tag vorgefahren war, fand Sergej seinen Herrn in dieser Stellung vor. Na das wird jetzt einen Tanz geben, dachte er und zupfte an Mendelejews Ärmel. Über die Reaktion, die er damit auslöste, war er mehr als erstaunt. Nachdem sich der Professor aufgerichtet hatte, sagte er seelenruhig: „Ist alles gepackt? Dann fahren wir.“

Auf dem Moskauer Bahnhof in St. Petersburg stand der Zug nach Twer zur Abfahrt bereit. Alle Reisenden waren eingestiegen, und der Kondukteur gab das Zeichen. Die Lokomotive musste alle Kraft aufbieten, um in Bewegung zu kommen. Ganz in Dampf gehüllt, gewann sie langsam Meter um Meter, bis ihre schwarze Eisenmasse in Schwung geriet und die rumpelnden Wagons in den russischen Winterabend hinauszog.

In einem der Abteile wunderten sich die Reisenden über den merkwürdigen Kauz mit dem hölzernen Koffer zwischen den Beinen. Professor Dmitrij Mendelejew lächelte zufrieden in seinen weißen Bart. Was war das menschliche Gehirn doch für ein seltsames Ding, dachte er. Was ihm im Wachsein einfach nicht einfallen wollte, hatte sich im Traum wie von selbst gefügt.

Da hatte er so auf diesen Zug nach Twer geschimpft, dabei war es gerade diese Zeitnot, die seinen Geist immer wieder angetrieben hatte. Ohne den Zug hätte er wahrscheinlich noch einmal eine Nacht darüber geschlafen, und die Lösung des Problems hätte sich wieder verflüchtigt.

Er sah aus dem Abteilfenster hinaus ins Dunkle und überlegte, welchen Namen er seiner Entdeckung geben sollte. Wegen der regelmäßig wiederkehrenden Eigenschaften, entschied er sich für: Periodisches System der Elemente.

Nun war es genug. An Elemente mochte er jetzt nicht mehr denken. Wie bequem es sich heutzutage reisen ließ. Wenn er daran zurückdachte, wie er damals als Fünfzehnjähriger mit der Mutter und Schwester Liza aus Tobolsk nach Moskau gereist war, zweitausend Kilometer auf holperigen Wegen. An einen Studienplatz war für einen wie ihn aus dem fernen Sibirien gar nicht zu denken gewesen. Sie mussten weiter nach St. Petersburg, und auch hier hatte es der Fürsprache eines Bekannten des verstorbenen Vaters bedurft, dass er sich in Mathematik und Naturwissenschaften einschreiben konnte.

Bald darauf war die Mutter und ein Jahr danach die Schwester gestorben. Und auch mit seiner eigenen Gesundheit war es nicht weit her. Sein Leben bewegte sich zwischen Labor und Bett. Er war noch keine zwanzig Jahre alt, da wurden schon einige Fachaufsätze von ihm veröffentlicht. Sein Lehrerexamen bestand er als bester Student des Jahrganges.

Und dennoch, ohne das Stipendium für das Auslandsstudium, hätte er es nicht soweit gebracht. In den besten Labors der Welt hatte er experimentieren können. Bei Regnault in Paris, bei Kirchhoff und Bunsen in Heidelberg. Wenn er doch nur sein ungestümes Temperament besser im Griff hätte. Schimpfend aus Bunsens Labor zu stürmen, wegen irgend eines dummen Streites, ein unverzeihlicher Fehler. Trotz allem hatte er einen großen Erfahrungsschatz mit nach Russland gebracht.

Das monotone Schaukeln des Abteils hatte dann doch bewirkt, dass dem Professor der Kopf auf die Brust sank, und er, wie die meisten anderen Mitreisenden auch, den restlichen Weg bis Twer schlafend verbrachte.

Im Ausland wurde Mendelejews System der Elemente anfangs eher skeptisch aufgenommen. Es gab darin zu viele Ungereimtheiten. Aber diesmal kam dem russischen Chemieprofessor seine unnachgiebige Gemütsart zugute. Wo das System Lücken aufwies, erklärte er selbstsicher, dass die an den Stellen fehlenden Elemente eben noch nicht entdeckt waren. Und damit noch nicht genug. Er gab den unbekannten Elementen schon Namen. Eka-Aluminium und Eka-Silicium, und er sagte auch noch ihre Atomgewichte und Eigenschaften voraus. So sollte das Eka-Silicium ein dunkelgraues, metallisches Element mit dem Atomgewicht 72 sein. War das nicht ein besonderer Fall von wissenschaftlicher Anmaßung?

Fünf Jahre mussten vergehen, da meldete ein Franzose die Entdeckung eines neuen Elements, dem er den Namen ‚Gallium’ gab. Sein Gallium hatte genau die Eigenschaften von Mendelejews Eka-Aluminium. Nach noch einmal fünf Jahren entdeckte Clemens Winkler im Erzgebirge ein Element und nannte es nach seinem Land ‚Germanium’. Germanium war eine graue, metallisch glänzende Substanz mit einem Atomgewicht von 72,7. Das Eka-Silicium war gefunden.

Von nun an gab es keinen Zweifel mehr an der Richtigkeit von Mendelejews Periodensystem. An jenem Wintertag im Februar 1869 hatte er sich eingereiht in die Galerie der ganz Großen der Wissenschaft. Die Physik hatte einen Isaac Newton, die Chemie von nun an einen Dmitrij Mendelejew.