Den Bakterien auf der Spur

 

Charles Darwin hatte mit seiner Theorie der Entwicklung der Arten die Ansichten über das Leben radikal verändert, obwohl von der Existenz der Mikroorganismen noch nichts bekannt war. Erst als die optischen Werkstätten in der Lage waren geeignete Mikroskope zu liefern, konnte der Mensch in die Welt der kleinsten Lebewesen eindringen. Die neuen Erkenntnisse zeigten das Leben in einer noch viel größeren Komplexität. Auf vielen Gebieten, vor allem in der Medizin, musste neu gedacht werden und alte Ansichten weichen.


Berlin, 24. März 1882

Nur wenige Schritte trennten Robert Koch vom Eingang des Vortragsraumes der Universität. Er hatte gerade noch Zeit seine goldene Brille zurechtzurücken, dann öffnete er pünktlich die Tür.

Sofort verstummte in dem kleinen Saal das Gemurmel der anwesenden Herren und die Blicke aller richteten sich auf den eintretenden Robert Koch. Mehr als 70 Teilnehmer des Kongresses der Physiologischen Gesellschaft von Berlin waren gekommen, um Kochs Vortrag zu hören, darunter so bedeutende Wissenschaftler wie Hermann Helmholtz oder Paul Ehrlich. Die herausragendste Persönlichkeit war unumstritten der Pathologe Rudolf Virchow, der wie in einem Dunstkreis der Ehrfurcht zwischen seinen Kollegen Platz genommen hatte.

Robert Koch war kein guter Redner. Stockend und unsicher begrüßte er sein Auditorium und war nach ein paar einleitenden Worten froh, endlich mit der eigentlichen Präsentation beginnen zu können. Alles was er dazu benötigte lag bereit: sein Mikroskop, die Glasschalen mit den Bakterienkulturen und mehr als 200 Präparate. Koch hatte als Thema seines Vortrags bekannt gegeben, den Erreger der Tuberkulose, der schlimmsten in Europa grassierenden Krankheit, entdeckt zu haben. Die Ankündigung war so sensationell, dass der Raum fast zu klein war für die Zahl der ehrenwerten Herren, die mit vor Skepsis erstarrten Minen den Ausführungen des kaum bekannten Robert Koch lauschten. Einmal in seinem Element wurde Koch in seinem Vortrag sicherer. Mit klaren Worten schilderte er seine Experimente während der letzten sechs Monate.

Er hatte Meerschweinchen mit tuberkulösem Gewebe infiziert und, nachdem die Tiere erkrankt waren, an hunderten von Präparaten versucht die Mikroorganismen zu identifizieren, die für die Tuberkulose verantwortlich sind. Aber welchen Nährboden er auch ausprobierte, die angesetzten Kulturen wollten einfach nicht gedeihen. Er probierte alles Erdenkliche an Färbemitteln aus, aber im Mikroskop war nichts Auffälliges zu sehen. Seine Geduld wurde noch auf eine harte Probe gestellt. Erst im 271. Versuch zeigte es sich: das Mycobakterium tuberkulosis, ein stabförmiger Bazillus mit der Länge eines Blutkörperchens und großer Ähnlichkeit mit dem Leprabazillus.

Doch mit dem Auffinden des vermeintlichen Erregers war noch nichts bewiesen. Um zweifelsfrei nachzuweisen, dass der gefundene Mikroorganismus auch die Ursache der Tuberkulose war, musste er in Reinkultur gezüchtet werden, um jeden anderen Einfluss auszuschließen. Auf geronnenem Blutserum bei Körpertemperatur gelang es nach zwei Wochen eine solche Bakterienkultur zu züchten. Anschließend infizierte Koch gesunde Meerschweinchen, die auf natürlichem Wege nicht an Tuberkulose erkranken mit dem Mycobakterium tuberculosis, worauf die Krankheit bei den Tieren ausbrach.

Robert Koch war am Ende seiner Präsentation angelangt und stellte als Fazit fest: „ dass die in den tuberkulösem Substanzen vorkommenden Bazillen nicht nur Begleiter des tuberkulösen Prozesses, sondern die Ursache derselben sind“.

Im Saal herrschte nach dem Vortrag Schweigen. Anstatt zu applaudieren, oder die Diskussion zu eröffnen, saßen die Herren da, als würde Robert Koch noch reden. Das, was der Vortragende als letztes gesagt hatte, musste erst verdaut werden. …nicht nur Begleiter, sondern die Ursache…, eine ungeheuerliche Feststellung, die dem widersprach, was als gesichert feststand: die Grundlage des lebenden Organismus war die Zelle, wo auch das Wesen der Krankheit zu suchen war. Eine Einwirkung von außen konnte es nicht geben. Und jetzt hatte dieser Robert Koch den Schneid, der versammelten Elite der deutschen Medizin das Gegenteil zu beweisen.

Immer noch herrschte diese angespannte Ruhe im Raum. Niemand wollte den Anfang machen und langsam wandten sich alle Rudolf Virchow in Erwartung seines Urteils zu. Virchow kannte den 20 Jahren jüngeren Robert Koch, aber dessen Mikroskoptechnik stand er mehr als skeptisch gegenüber. Zwar hatte er selbst auch mit dem Mikroskop gearbeitet, aber immer an Zellen und Gewebe. Er hatte den Begriff der Zellpathologie geprägt, das Fundament auf dem die Medizin ruhte.

Und jetzt hatte dieser Koch bewiesen, dass die Schwindsucht verursacht wurde von einem Erreger, der von außen kam. Ein Bakteriologe hatte mit einem Schlag seine Lehre von der Zellphathologie widerlegt, hieb und stichfest, es gab nichts dagegen zu sagen.

Endlich erhob sich Virchow von seinem Platz. Aber anstatt etwas zu sagen, ging er zur Garderobe, nahm seinen Mantel und Hut und verließ wortlos den Raum.

Nach der Endeckung des Tuberkuloseerregers musste in der Medizin umgedacht werden. Es war der Durchbruch der bisher kaum beachteten Bakteriologie, einer Disziplin, die es seit ihren Anfängen schwer hatte, sich durchzusetzen.

In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts behaupteten mehrere Wissenschaftler fast zeitgleich, solche Prozesse wie Fäulnis und Gärung sollten durch winzige Lebewesen ausgelöst werden. Für ihre Zeitgenossen war das eine völlig lachhafte Hypothese. War es schon kaum vorstellbar, wie die kleinsten bekannten Wesen, die man buchstäblich unter die Lupe nehmen musste, fähig waren zu leben, wie sollten da um vieles kleinere Geschöpfe mit allen Attributen des Lebens ausgestattet sein.

Kein Geringerer als der berühmte Chemiker Justus Liebig spottete in einem Artikel in den Annalen der Physik auf eine Art und Weise, die so gar nicht seinem Niveau als bedeutendem Wissenschaftler entsprach. Zum Thema alkoholische Gärung meinte er sarkastisch, dass die mikroskopischen Tierchen weder Zähne noch Augen hätten, dafür aber einen Magen. Sie würden Zucker fressen und Alkohol ausscheiden, und ihre Blase wäre wie eine Champagnerflasche geformt. Liebig wehrte sich dagegen einen chemischen Prozess biologisch zu erklären, eine seiner Meinung nach unerlaubte Vermischung der Disziplinen.

Einer der Vertreter der neuen Theorie war ein gewisser Theodor Schwann. Nach dieser Kritik von renommierter Seite war der Mann so der Lächerlichkeit preisgegeben, dass es um seine wissenschaftlichen Kariere geschehen war. An keiner Universität bekam er eine Stelle, so dass er schließlich gezwungen war auszuwandern.

Ganz so einfach ließ sich der Gedanke von der Existenz der Mikroorganismen jedoch nicht ausrotten. An einem biss sich Liebig mit seinem Spott die Zähne aus: Louis Pasteur. Der Franzose hatte einen ähnlich starrsinnigen Charakter wie Liebig, war ungeheuer selbstbewusst und ein exzellenter Redner. Den Streit vor einer Expertenkommission auszufechten, lehnte Liebig daher ab. Pasteur räumte auch mit der Vorstellung von der Urzeugung, wonach es aus dem Nichts zu keimen beginnt, auf. Jedes Lebewesen stammte von etwas Lebendigem ab. Er wies nach, dass Bakterien durch Hitze abgetötet werden, ein Vorgang, der als ‚Pasteurisieren’ in die Sprache eingehen sollte. Als Louis Pasteur dann noch äußerte, Bakterien wären möglicherweise die Ursache von Krankheiten, hatte er von da an auch noch die Mediziner geschlossen gegen sich.

Während in den Kreisen der Wissenschaft heftig über das Für und Wider der Mikroorganismen gestritten wurde, war abseits im fernen Ostpreußen der noch völlig Unbekannte Robert Koch am Werk. Koch war mit Frau und Tochter in die Provinzstadt Wollstein gezogen, wo er als Landarzt in seiner kleinen Privatpraxis nur ein spärliches Einkommen bezog. Seine gesamte freie Zeit, die ihm daneben blieb, verwendete er für Experimente an Kaninchen, Meerschweinchen und allen Mäusen, die sich in Keller und Küche seines Hauses fangen ließen.

Robert Kochs ganze Leidenschaft galt der Arbeit am Mikroskop. Er stand in persönlichem Kontakt mit Carl Zeiss in Jena, um immer auf dem neuesten Stand der Technik arbeiten zu können. In seinem kleinen Laboratorium befand sich eine Dunkelkammer, in der er naturgetreue Fotogramme anfertigte, um das, was er sah, auch dokumentieren zu können.

1776 setzte Robert Koch ein Achtungszeichen mit seiner Arbeit über den Milzbrand. In der ländlichen Gegend, in der er lebte, raffte die Seuche oft die Tierbestände dahin, und übertrug sich auch auf den Menschen. Koch entdeckte den Erreger und beschrieb seinen Lebenszyklus. Er wies nach, dass der Bazillus selbst unter extremen Bedingungen jahrelang überlebte. So wurde klar warum sich Schafe ohne Kontakt mit erkrankten Tieren auch auf der Weide infizieren konnten. Das erste Mal war ein Mikroorganismus als Ursache einer bestimmten Krankheit ausgemacht worden. Nun galt es auch als gesichert, dass Bakterien je nach Art verschiedene Lebewesen waren und nicht wie fälschlich vermutet ein Lebewesen, das verschiedene äußere Formen annehmen konnte. Bei der Präsentation der Arbeit in Breslau waren die Anwesenden Wissenschaftler sehr beeindruckt. Robert Koch war vom Landarzt zum anerkannten Forscher avanciert.

Nach einer weiteren Arbeit über die Wundinfektionskrankheiten nahm Kochs Leben eine entscheidende Wende, und er landete schließlich im Kaiserlichen Gesundheitsamt in der Reichshauptstadt Berlin. In einem eigens für ihn eingerichtetem Labor verbesserte er zunächst die Mikroskopiertechnik und nahm danach die Tuberkulose ins Visier.

Möglich war der Fortschritt der Medizin durch die Verbesserung und die industrielle Fertigung optischer Geräte. Das neue Zeitalter offenbarte aber auch schnell seine Schattenseiten. Die industriellen Ballungszentren platzten aus allen Nähten, und die hygienischen Zustände in den engen Arbeiterquartieren waren unvorstellbar. Die überall rauchenden Schornsteine, das Zeichen für Prosperität, verpesteten die Luft. Auf solchem Nährboden nahmen viele Krankheiten einen epidemischen Charakter an. Dank der wissenschaftlichen Erkenntnisse waren die Übertragungswege klarer geworden. In den großen Städten wurde mit dem Bau von Kanalisationen begonnen.

Eine weitere Ursache der Ausbreitung von Seuchen, war der Bau immer schnellerer Verkehrsmittel, insbesondere der Eisenbahnlinien. In Europa breitete sich die Cholera aus, eine Seuche, die bis dahin nur in Asien bekannt war.

Der industrielle Fortschritt begünstigte die Ausbreitung von Krankheiten und lieferte gleichzeitig die Mittel zu ihrer Bekämpfung, ein andauernder Prozess, in dem es nie einen Gewinner oder Verlierer geben kann.